Der stetige Tod des Paternosters

Tod des Paternosters? Nicht als RundlaufaufzugDarf noch fahren: Der Rundlaufaufzug in Berlin Adlershof. Quelle: Schindler

Der Tod kennt keine Wiederkehr. Auch nicht beim Paternoster, bei dem die Wiederkehr geradezu ein konstitutives Element zu sein scheint. Nicht nur immer wieder, sondern eben auch im Boden und im Keller „kehrend“ gleiten die Kabinen am Betrachter vorüber. Der Umkehrschluss indes, dass die Passagiere kopfüber wiederkehren, ist genauso verkehrt wie den Paternoster zum Sinnbild für Nietzsches Gedanken von der ewigen Wiederkehr zu verklären. Denn so viel ist klar, der Tod des Paternosters ist unumkehrbar, und er wird nur als Denkmal überleben.

Das Todesurteil wurde bereits am 28. März 1972 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht: „Personen-Umlaufaufzüge dürfen nach dem 31. Dezember 1973 nicht mehr errichtet werden“, hieß es.  Zu diesem Zeitpunkt standen rund 800 betriebsbereiten Paternostern in Deutschland mehr als 120.000 Aufzüge gegenüber – heute sind es 200 zu 700.000. Ein Tod auf Raten.

Schon 1950 begann der Tod des Paternosters

Ein Anachronismus war er bereits in den 1950er-Jahren, als die modernen Sammelsteuerungen der Aufzüge den Wettbewerbsvorteil des Paternosters zunichte machten: die Förderkapazität. Mit einer Beförderungsleistung von mehreren 1000 Personen pro Tag war er den Aufzügen mit Führern und einfachen Druckknopfsteuerungen bis dato immer überlegen. Sein Konstruktionsprinzip lässt keine Wartezeiten zu und gewährleistet stete Verfügbarkeit: Spätestens alle zehn Sekunden steht eine Kabine bereit. Mit konstant 0,2 bis 0,4 Meter pro Sekunde bewegen sich die auf ein bis zwei Personen ausgelegten Fahrkörbe ununterbrochen und machen keine Ausnahme.

In dieser Ausnahmslosigkeit liegen sowohl der Aufstieg des Paternosters als auch sein Niedergang begründet. Die Gleichförmigkeit der Bewegung nivelliert alle Unterschiede der Passagiere. Ob alt oder jung, langsam oder schnell, groß oder klein – alle müssen sich dem Rhythmus des Beförderungsmittels unterwerfen. Der Passagier wird zur Transportware. 

Fahrkörbe, aufgehängt an Ketten. So funktioniert der Paternoster. Quelle: Schindler
Fahrkörbe, aufgehängt an Ketten. So funktioniert der Paternoster. Quelle: Schindler

Ursprünglich transportierte der Paternoster Briefe und Pakete

Da ist es auch nur konsequent, dass der erste Paternoster 1876 Briefe und Pakete in London beförderte. Sieben Jahre später allerdings gab es die ersten „Cycling Elevator“ genannten Personen-Paternoster in Großbritannien. Weitere zehn Jahre später nahm der erste Paternoster Deutschlands in Hamburg seinen Dienst auf. Bereits 1905 nutzen 20 Millionen Menschen im Jahr eine der rund 80 Anlagen. Zwei Jahre später zählte die Hansestadt bereits 120 Paternoster.

Damit etablierte sich der Rundlaufaufzug als Symbol der Moderne. Mit seiner nivellierenden Tendenz ging die demokratisierende einher. Wie der freie Handel keine Zugangsbeschränkungen zuließ, so auch der Paternoster nicht mehr. Wo sonst Führer und Aufzugswärter über den Zugang zu den höheren Etagen wachten, setzte der Paternoster auf die Liberalität des selbst gewählten Ein- und Ausstiegs. Der Passagier wurde zum Selbstfahrer, der in der Transparenz der offenen Kabinen für alle sichtbar war und diese selbstbestimmt wieder verließ.

Harmonische Gestaltung: Paternoster haben oft auch eine dekorative Funktion. Quelle: Schindler
Harmonische Gestaltung: Paternoster haben oft auch eine dekorative Funktion. Quelle: Schindler

Es gibt keine Unfallstatistiken 

Doch selbst dies schließt eines nicht aus: Unfälle. In der Tat wirkt Paternosterfahren in unserer Zeit, in der Personenaufzüge mit Türen und Lichtgittern ausgestattet sind, wie Autofahren ohne Anschnallen. Das Unfallrisiko liegt bei einem Paternoster höher als bei Personenaufzügen – auch wenn aktuelle Statistiken dazu fehlen. So schrieb der TÜV Berlin in seinem Jahresbericht 1966: „Im Allgemeinen rechnet man mit etwa einem Unfall je Jahr für tausend Aufzüge; demnach liegt bei Personen-Umlauf-Aufzügen die Unfallquote über 30 Mal höher als bei Aufzügen anderer Bauart.“ Diese Berechnung basiert allerdings auf gerade einmal drei Schadensfällen bei 92 Paternostern in diesem Jahr. 

200 Paternoster gibt es heute in Deutschland

Ein großes Manko haben die Anlagen allerdings, die sie vor allem in der älter werdenden Gesellschaft unattraktiv machen: Paternoster sind nicht barrierefrei. Kann es für ältere und gehbehinderte Menschen schon schwierig werden, in die Kabine und wieder hinauszukommen, wird es für Rollstuhlfahrer unmöglich. Kinderwagen dürfen ebenso wenig befördert werden wie Lasten und sperrige Gegenstände.

Daher ist auch nur noch eine Frage der Zeit, bis der Paternoster seine letzte Runde drehen wird. Nur noch rund 200 von ihnen haben in Deutschland überlebt. Einer davon wurde sogar erst im Jahr 2009 in Betrieb genommen. In einem modernen Bürogebäude in Berlin – als „Rundlaufaufzug“ allerdings und nicht mehr als Paternoster.

Clevere Umbenennung

Da neue Paternoster in Deutschland aber bereits seit 1974 nicht mehr in Betrieb genommen werden dürfen, entwickelte das Berliner Aufzugsunternehmen Schoppe-Keil einen Paternoster, bei dem Lichtgitter die Übergänge zwischen Etageneinstieg und Kabine überwachen und Ampelsignale den Benutzern anzeigen, wann sie ein- und aussteigen dürfen. Um geltendes Recht nicht zu verletzen, nannte man das Unikat dann also Rundlaufaufzug – und der TÜV nahm die Anlage durch eine aufwändige Baumusterprüfung ab. Der Rundlaufaufzug läuft noch immer. Manchmal kennt der Tod dann doch eine Wiederkehr.

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