Fahrstuhlmusik: Ein Experiment, das Hoffnung macht!

Die Berufsmusikerin Ayça Ugural und Günther Rötter, Professor für Musikpsychologie, haben an der TU Dortmund untersucht, wie sich Musik auf das Verhalten von Fahrgästen auswirkt. Ein Gespräch darüber, warum sich manche Menschen in Aufzügen unwohl fühlen – und warum es mit der Fahrstuhlmusik bald wieder aufwärts gehen könnte.

Frau Ugural, Herr Rötter, wie kommt man auf die Idee, die Wirkung von Musik auf Fahrstuhlfahrerinnen und -fahrer wissenschaftlich zu untersuchen?

Rötter: Nun, die Idee dazu ging von einer sehr persönlichen Erfahrung aus. Ich habe beobachtet, dass sich Menschen in einem Aufzug eher unnatürlich verhalten, ja, manchmal geradezu verkrampft wirken. Und ich habe mir vorgestellt, wie schön es wäre, sie ein wenig aufzulockern. Da Musik in vielen Lebenslagen die Kraft hat, uns zu erheitern und positiv zu stimmen, habe ich mich gefragt, ob ihr das auch in einem Aufzug gelingen könnte.

Ugural: Wir haben dann in der Forschung Hinweise darauf gefunden, dass dies durchaus möglich ist. Es gab zum Beispiel einmal eine Untersuchung dazu, ob Musik in der Aufzugkabine die Höhenangst der Fahrgäste verringern kann. Was in einer Studie während einer virtuell simulierten Aufzugfahrt auch tatsächlich gelang. Außerdem wissen wir, dass sich die Art und Lautstärke von Hintergrundmusik direkt auf das Kaufverhalten der Konsumenten niederschlägt. So treffen Kunden bei ruhiger, dezenter Beschallung eine gesündere Wahl bei Lebensmitteln. Es lag also nahe zu vermuten, dass sich Fahrstuhlmusik auch positiv auf das Verhalten von Menschen in Aufzügen auswirkt.

Wann Fahrstuhlmusik eine beruhigende Wirkung hat

Warum glauben Sie, fühlen sich manche Menschen unwohl in einer Fahrstuhlsituation?

Ayça Ugural ist Orchestermusikerin und studiert an der Fernuniversität Hagen Psycholgie auf Master.

Ugural: Das hat allein schon technische Gründe. Jeder Mensch hat eine natürliche Wohlfühldistanz. Also einen Abstand zu fremden Personen, bei der sie oder er sich gerade noch nicht bedrängt fühlt. Die schwankt kulturell zwischen 1,20 Meter und 45 Zentimeter, und natürlich ist sie auch individuell verschieden. Bin ich nun gezwungen, in einer Situation mit fremden Personen näher beieinander zu stehen, dringt sie unweigerlich in meine Intimdistanz ein. Das gestatten wir sonst nur Familienmitgliedern, Partnern und Freuden. Aber im Fahrstuhl ist es aufgrund der räumlichen Beschränktheit oft gar nicht anders möglich, als sich in der Intimdistanz der Mitfahrenden zu positionieren – gerade, wenn mehrere Menschen den Aufzug gleichzeitig nutzen.

Auf der Tanzfläche kommt es oft zu ähnlich gedrängten Situationen. Haben sie sich davon bei der Auswahl der Playlist für ihr Experiment inspirieren lassen? Gab’s Disco-Beat und Rock’n’Roll?

Rötter: (lächelt) Nein, das wäre dann doch zu aufregend. Wir wissen ja, das beschwingte Musik eher polarisiert, als ruhige. Das heißt: Ein guter Popsong findet in der Regel ebenso viele innige Verehrer wie Menschen, die damit überhaupt nichts anfangen können. Die Zusamensetzung derFahrgäste in einem Aufzug ist ja zumeist sehr heterogen, er wird von sehr vielen, sehr unterschiedlichen Menschen genutzt. Daher ging es uns darum, eine möglichst große Schnittmenge zu erzeugen. Das gelingt eher mit ruhiger, instrumentaler Musik. Denn Stimmen verlangen zu viel Aufmerksamkeit. Diese Fahrstuhlmusik wird vielleicht nicht so innig geliebt wie andere. Erzeugt aber auch nicht so große Ablehnung.

Ein Erfolgsschlager aus den 1930er-Jahren

Ugural: Bereits seit den 1930er-Jahren lieferte die Firma Muzak Hintergrundmusik für Warenhäuser, öffentliche Gebäude und auch Fahrstühle und war damit lange Zeit sehr erfolgreich.

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Rötter: Wobei das Thema Fahrstuhlmusik, obwohl es schon fast Sprichwörtlich für diese Art von Musik ist, eher ein Nischenthema blieb. Im Grunde hat das Label populäre Titel genommen und sie instrumental, in einer ruhigeren Version neu eingespielt.

Titel wie das bekannte Girl from Ipanema?

Rötter: Genau. Diese Art von Musik eignet sich sehr gut, um Menschen zu entspannen und das Eis in einem Aufzug zu brechen.

Und wie haben Sie ihr Experiment nun konkret durchgeführt?

Ugural: Wir haben eine Playlist mit dieser Muzik erstellt und sie in einem von zwei nebeneinander liegenden Fahrstühlen in der TU Dortmund abgespielt. Den anderen Aufzug nutzten wir für unsere Kontrollgruppe. So konnten wir einerseits beobachten, wie sich Menschen grundsätzlich in einem Fahrstuhl verhalten, und andererseits wie sie sich verhalten, wenn ihnen Musik vorgespielt wird. Eine Kollegin und ich sind dann mitgefahren und haben das Verhalten verdeckt beobachtet und unsere Beobachtungen in einem Evaluationsbogen festgehalten.

Veränderte Blickachsen in der Fahrgastkabine

Worauf haben sie dabei geachtet?

Ugural: Zum Beispiel darauf, wie die Körperhaltung der Mitfahrenden ist, ob sie sich einander zuwenden, wie die Sichtachsen sind, ob sie miteinander ins Gespräch kommen und dergleichen.  

Mit welchem Ergebnis?

Ugural: Es gab sehr deutliche Unterschiede in den beiden Fahrstühlen. Dort, wo die Muzak lief, blieben 80 Prozent der Fahrenden einander zugewandt. Im Fahrstuhl ohne Musik drehte sich knapp die Hälfte weg. Ferner wurde die Musik zum Gesprächsstoff. Sie veranlasste die Fahrenden, über die Musik zu sprechen oder fragende bis amüsierte Blicke auszutauschen. Mehr als ein Drittel der Fahrgäste suchte Blickkontakt zu anderen, wenn Musik lief. Blieb es im Fahrstuhl hingegen leise, so vermieden 81,6 Prozent der Fahrgäste den Blickkontakt, wandten sich von einander ab oder änderten die Blickrichtung.

Günter Rötter ist Professor für Musikpsychologie an der TU Dortmund.

Was folgern Sie daraus?

Rötter: Das Experiment zeigt, dass das Abspielen von Musik in Fahrstühlen Spannungen abbaut und sich positiv auf die Laune der Mitfahrenden auswirkt. Wie genau man das steuern kann, müsste man in weiteren Experimenten näher analysieren. Es zeigt sich aber deutlich, dass es lohnenswert ist, über das Thema Fahrstuhlmusik noch einmal nachzudenken. Natürlich in einer neuen, moderneren Form und mit aktuellen Titeln.

Ugural: Ja, es wäre schön, wenn die Industrie da einsteigt und den Markt mit neuen Konzepten neu belebt.

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