Der Paternoster: Ohne Tür und doppelten Boden

Der Umlaufaufzug kämpft seit mehr als 40 Jahren ums Überleben. Zum Glück gibt es Menschen, die ihm dabei helfen. Unser Autor Jan Steeger erzählt vom Kampf für den Paternoster. 

Der Paternoster ist die Telefonzelle der Fördertechnik. Mit ihr teilt er ein Schicksal: Er verschwindet. Aber was sich seit Jahrzehnten als schleichender Prozess vollzog, sollte im Juni 2015 ein abruptes Ende finden: Zu diesem Zeitpunkt trat eine neue Verordnung in Kraft, die nur noch »unterwiesenen Beschäftigten« die Benutzung von Personen-Umlaufaufzügen erlauben wollte. Anders ausgedrückt: Zum Paternosterfahren solle man einen Führerschein machen. Das wäre in allen Gebäuden mit Publikumsverkehr zum Problem geworden – denn jeder Besucher hätte »eingewiesen« werden müssen, bevor er in den Paternoster steigt. Die öffentliche Nutzung dieser Aufzugsdinosaurier wäre damit vom Tisch, nachdem bereits seit 1974 keine neuen Paternoster mehr in Betrieb genommen werden dürfen. Das Ende des Paternosters.

Doch halt, nicht so schnell: Denn bereits 1994, zwei Jahre vor seinem 100. Geburtstag, war das Ende des Paternosters beschlossene Sache. Die Aufzugsverordnung sah eine Stilllegung dieses Aufzugstyps bis 2014 vor. Dagegen erhob sich aber bundesweit Protest, so dass der damalige Arbeitsminister Norbert Blüm einknickte und die Entscheidung wieder zurücknahm.

»Nicht mehr viele Menschen fahren mit dem Paternoster – aber viele lieben ihn.«
Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

 

Zwanzig Jahre später ein Déjà-vu. Wieder droht das Ende des Paternosters, wieder artikuliert sich – wenn auch etwas zurückhaltender – die Entrüstung, wieder rudert die Politik zurück. Der Paternoster sei der VW-Käfer unter den Aufzügen, gibt Arbeitsministerin Andrea Nahles schließlich zu Bedenken. »Nicht besonders viele Menschen fahren ihn noch, aber viele lieben ihn.« Ein treffender Vergleich.

Innwertig: Im Auswärtigen Amt dreht sich der schönste Paternoster mindestens Berlins – gewartet wird er von Schindler.

Innwertig: Im Auswärtigen Amt dreht sich der schönste Paternoster mindestens Berlins – gewartet wird er von Schindler.

Ist der Paternoster einfach doch aus der Zeit gefallen und bewahrt ihn nur noch unsere Nostalgie? Nicht nur. Menschen wie Thomas Grüttner etwa bewahren den Paternoster, indem sie ihn erhalten. Der Service Leiter von Schindler in der Niederlassung in Chemnitz hat sich gemeinsam mit dem Glaser und Tischler Heiko Liebert einen Namen bei der Instandhaltung und Sanierung der Umlaufaufzüge gemacht. Solche Experten sind selten, seltener noch als die Gegenstände ihrer Expertise. Und die blicken auf eine lange Geschichte zurück.

Bereits 1876 transportierte der Paternoster Briefe und Pakete in einem Postamt in London. Zehn Jahre später kam er nach Deutschland und verrichtete in einem Ham-burger Bürohaus seinen Dienst. Doch auf seinen offziellen Geburtstag musste er noch einmal zehn Jahre warten: Erst 1896 meldete ein gewisser Carl Prött aus Hagen ihn zum Patent an. Den Namen Paternoster erhielt er übrigens, weil die an den Ketten aufgefädelten Kabinen an die gleichnamige Gebetskette erinnerten. Und ebenso wie der Gläubige die Perlen an der Kette durch die Finger gleiten lässt, fahren die Kabinen an den Ketten entlang durchs Gebäude. Die Idee dieser Fördertechnik indes ist viel älter. Die alten Chinesen nutzen bereits vor mehr als 3000 Jahren an eine Schnur befestigte Eimer zum Wasserschöpfen. Das mag damals sicher eine Innovation gewesen sein, aber gibt es auch heute noch Gründe, am Paternoster festzuhalten und ihm den Weg von Wählscheibe und Faxgerät zu ersparen?

Einfache Technik, schmutziges Geschäft

»So viele Personen wie mit einem Paternoster bekommen sie mit einem Aufzug am Tag nicht befördert«, gibt Thomas Grüttner zu bedenken. An mangelnder Förderleistung kann es also nicht liegen, dass der Paternoster fast ausgestorben ist. Wie steht es denn mit dem Wartungsaufwand? »Schmieren ist das Entscheidende, vor allem an den richtigen Stellen«, sagt der Paternosterspezialist. Dazu müsse man tief zwischen die Kabinen kriechen – »eine Arbeit, bei der man sich von oben bis unten einsaut.« Im Unterschied zu modernen Aufzügen kommt der Paternoster mit wenig Elektronik aus. Damit ist er auch weniger störanfällig. Was ihm allerdings immer wieder zusetzt, sind Handwerkerleitern. »Kein Scherz«, sagt Grüttner. Die meisten großen Reparaturen an Paternosterkabinen, die er in den vergangenen Jahren durchzuführen hatte, waren dem falschen Augenmaß von Handwerkern geschuldet, die ihre Leitern mit in den Paternoster nehmen wollten. In diesen Fällen müssen die verzogenen Kabinen meist aufwendig wiederhergestellt werden. Aber das kommt zum Glück nicht so häufig vor.

Kettenreaktion: Funktionsskizze des 1896 zum Patent angemeldeten Paternosters

Kettenreaktion: Funktionsskizze des 1896 zum Patent angemeldeten Paternosters

Was dem Paternoster aber viel mehr zu schaffen macht, ist sein vermeintliches Risiko. Paternosterfahren wirkt in einer Zeit, in der Personenaufzüge mit Türen und Lichtgittern ausgestattet sind, wie Autofahren ohne Anschnallen. Dabei scheiden sich die Geister an der Frage, wie gefährlich Paternoster wirklich sind. Aktuelle Statistiken über Paternosterunfälle liegen nicht vor. Dem Nachrichtenmagazin Spiegel zufolge wurden aber von 1977 bis 1986 bundesweit 23 Unfälle mit Paternostern registriert – bei rund 500 Anlagen, die damals in Betrieb waren. Ein eklatantes Sicherheitsrisiko, das nach Regelungsbedarf schreit, sieht wohl anders aus. Unbestritten ist dennoch, dass Ein- und Aussteigen den Nutzern mehr abverlangt als bei modernen Personenaufzügen. Beim Paternoster muss man sich konzentrieren, Rucksäcke abnehmen, darf nicht mit mehr als zwei Personen in eine Kabine und so weiter. Hinzu kommt: Paternoster sind nicht barrierefrei. Kann es für ältere und gehbehinderte Menschen schon schwierig werden, in die Kabine und wieder hinaus zu kommen, wird es für Rollstuhlfahrer unmöglich. Kinderwagen dürfen ebenso wenig befördert werden wie Lasten und sperrige Gegenstände.

Auch wenn das Bundesarbeitsministerium den Landesbehörden zugesteht, Ausnahmeregelungen für Paternoster zuzulassen. Ob es dann ausreicht, Hinweisschilder an den betroffenen Anlagen aufzuhängen oder ob technisch nachgerüstet werden muss, wird sich zeigen. Wie auch immer die Lösung aussieht – Service Leiter Thomas Grüttner und sein Team werden sicher in den kommenden Jahren noch viel in Deutschland unterwegs sein, um die letzten noch laufenden Paternoster zu warten und zu pflegen. Schätzungsweise 200 von ihnen soll es noch geben.

Neuer Name, altes Prinzip

Kreisverkehr: Dieser 2009 in Betrieb genommene Paternoster in Berlin-Adlershof heißt offiziell »Rundlaufaufzug«.

Kreisverkehr: Dieser 2009 in Betrieb genommene Paternoster in Berlin-Adlershof heißt offiziell »Rundlaufaufzug«.

Einer wurde sogar erst im Jahr 2009 in Betrieb genommen. In einem modernen Bürogebäude in Berlin – als »Rundlaufaufzug« allerdings und nicht mehr als Paternoster. Die Solon AG, zu dieser Zeit einer der führenden europäischen Hersteller von Solarmodulen, wollte für den Neubau seines Firmensitzes in Adlershof einen Aufzug mit »Paternoster-Feeling«. Da neue Paternoster in Deutschland aber eben bereits seit 1974 nicht mehr in Betrieb genommen werden dürfen, entwickelte das Berliner Aufzugsunternehmen Schoppe-Keil einen Paternoster, bei dem Lichtgitter die Übergänge zwischen Etageneinstieg und Kabine überwachen und Ampelsignale den Benutzern anzeigen, wann sie ein- und aussteigen dürfen. Um geltendes Recht nicht zu verletzen, nannte man das Unikat dann also Rundlaufaufzug – und der TÜV nahm die Anlage durch eine aufwändige Baumusterprüfung ab. Die Solon AG ist inzwischen Geschichte, der Rundlaufaufzug läuft noch immer. Und es sieht ganz so aus, als ob es noch eine Weile so bleibt.

 

Dieser Beitrag ist erschienen im Schindler Magazin “Der Aufzug. Wie er uns bewegt (2015)”. Unter www.schindler.com lässt es sich gratis herunterladen – oder auch kostenfrei als Print-Version bestellen.

3 Kommentare

    • Jan Steeger

      Liebe Anna Zafiris,

      vielen Dank für die Blumen und Lob zurück. Seit wir den schönen Beitrag mit dem Treppengeländer (https://blog.tuv.com/mein-freund-das-treppengelaender/) in unserem Wochenrückblick hatten, schauen wir auch regelmäßig bei euch vorbei und entdecken viel Spannndes, etwa das: http://trhub.tuv.com/. Vielleicht könnten wir auch mal was Gemeinsames machen, etwa zum Thema Aufzugsprüfung etc.? Würde uns freuen.

      Liebe Grüße von den Senkrechtstartern,
      Kaspar und Jan

  1. detlef schmidt

    es ist in diesem lande- Unkultur-das zu verbieten, was wirklich herausragende Leistungen deutscher und internationaler ingenieurkunst ist, was zuverlässig funktioniert, kaum kosten verursacht – also kurz gesagt ein sehr gutes Werkzeug im Umfeld einer Kultur sein könnte, auch einem lebensumfeld.
    dass dennoch weder eine Lebensform, Kultur in diesem lande existiert- ist mit dem seelenlosen daherkommen der macher in diesem land eng verknüpft: leute die das land regieren- eigentlich nichts wirklich können, immerzu versagen- und es schaffen alles abzuschaffen, was uns wichtig sein sollte, uns immer mehr Technik aufzuzwingen, die seelenlos und gefährlich ist- aber als zuverlässig gilt, in gewissen kreisen- die mit den Ergebnissen solcher Politik nicht leben müssen, im Gegensatz zum bürger.

    auch mich interessiert- ein zuverlässiges und sicheres beförderungsmittel- als zugang zu den Gebäuden neu zu beleben, also wieder einzuführen- auch wenn dann das zuverlässige und sichere, kostengünstige – nicht mehr Paternoster genannt werden darf.
    bei einer laufgeschwindigkeit, die jederzeit gefahrlos auf null reduziert werden kann- also sagen wir 0.1m/sek – kann nun wirklich keiner mehr behaupten, dass da irgendwas gefährlich sein könnte – das Wörtchen heisst ja immer so. rein weil was möglich sein könnte- ist lange noch kein grund gegeben etwas extremst zu verbieten, einzuschränken oder was auch immer!

    ich bemühe mich gerade, dieses beförderungsmittel- in rahmen meienr eigenen arbeiten- für die von mir beabsichtigte Gründung einer Stiftung zu nutzen , einzusetzen- und das in einen umfang, wie auch früher schon. da gab es ausser diesen Beförderungsmitteln nichts anderes.

    betrachte ich die ansteigenden Unterhaltungskosten und wartungskosten eines normalen fahrstuhles- der empfindlichen Elektronik, die sich scheinbar einfachst auch manipulieren läßt- sowie die dafür von unabhängigen wartungsunternehmen pflichtgemäß ankassierten Aufwendungen, die eher nicht kontrollierbar sind, weil niemand diese Entscheidungen und Aufwendungen nachvollziehen kann -d ann möchte ich bei mir soetwas nicht haben: keine ausufernden kosten- keine servicetechniker, die lapidar auf etwas verweisen, was sie nicht erklären können – aber ohne das bekommt man keine freigabe des fahrstuhles.
    kurz: ich halte vieles für schlichte willkür- das mit einem fachlichen haustechniker und einer eifachen, sicheren Technik – in den griff zu bekommen ist -notfalls auch auf dem Klagewege, um rechte durchzusetzen- die begründet werden können.

    ich lebe in Berlin – immer noch- und habe die Paternoster nur als absolut
    zuverlässige und einfache, robuste Technik kennengelernt. da gab es nie unfälle.
    unfälle traten erst auf, als sich die fronten ausprägten: man also das alte
    weghaben wollten- das ist das auffällige!

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