Völlig von Simmen: „Schlangen aus Eisen“

„Ludwig II.“, Regie: Luchino Visconti (Italien 1972), gedreht auf Schloss Linderhof. (Foto: Mario Tursi, Roma)

Vor 100 Jahren hatte ein italienischer Futurist kühne Visionen: In Antonio Sant’Elias „Neuer Stadt“ sollten sich Aufzüge nicht länger „wie ein Bandwurm“ in Schächten verbergen, wie Dr. Jeannot Simmen weiß. Einmal im Monat schreibt der Kulturwissenschaftler und Fahrstuhl-Experte für Senkrechtstarter.

Antonio Sant’Elia: Futurismus und Aufzugsmoderne

Antonio Sant'Elia (1888-1916)

Antonio Sant’Elia (1888-1916)

1915, vor hundert Jahren, erfasst in Europa ein gesellschaftlicher und künstlerischer Aufbruch die Gesellschaft: Konstruktivismus und Suprematismus in Russland, De Stijl in Holland und Futurismus in der damals modernsten Stadt Italiens, Mailand.

Von 1912 bis 1914 entwirft der italienische Architekt Antonio Sant’Elia „La Città Nuova“. Diese „Neue Stadt“ kombiniert das Wohnen direkt mit dem Verkehr: Hochbahnen verbinden die Stadtteile, ein großer Flughafen liegt auf dem Dach des Hauptbahnhofs. Neuartig und elegant sind die Hochhäuser mit ihren terrassenförmigen Strukturen.

„Das futuristische Haus“, so Sant’Elia, „muss wie eine riesige Maschine sein. Der Aufzug soll sich nicht mehr wie ein Bandwurm im Schacht des Treppenhauses verbergen.“ Der alte Widerspruch zwischen Architekt und Ingenieur, zwischen Kunst und Technik interessiert nicht weiter. Sogar die Treppen „müssen verschwinden, die Aufzüge sollen sich wie Schlangen aus Eisen und Glas emporwinden“.

Fahrstühle liegen außen, Laufbänder auf den Straßen

"Neue Stadt" mit außenliegenden Aufzügen

„Neue Stadt“ mit außenliegenden Aufzügen

Eisenbeton und Stahlskelett ermöglichen eine Architektur jenseits schwerer Fundamente und massiv geschichtetem Aufbau. Aus den Turmhäusern werden „Elevator Buildings“ und sogar „Skyscrapers“, in den Himmel gebaute Hochhäuser. Der alte Fahrstuhl wird zum modernen Lift, befreit wird die Aufzugskabine vom dunklen, im Gebäude liegenden Schacht. Bei Antonio Sant’Elias idealer Stadt liegen die Aufzüge außen auf den Fassaden, Laufbänder auf den Straßen und Schienenfahrzeuge beschleunigen die Mobilität der futuristischen Stadtbewohner.

Aufbruch von Kunst und Technik gegen veraltete Tradition am Vorabend des Ersten Weltkrieges, als sich die Nationalstaaten im Hurra-Patriotismus bekämpften und nach wenigen Jahre die höfische Welt verschwand, der bodenfixierte Feudalismus final obsolet wird. Antonio Sant’Elia trat 1915 in die italienische Armee ein, 1918 wurde er in Monfalcone getötet, 28-jährig.

[hr style=“1,2,3,4″ margin=“40px 0px 40px 0px“]SimmenDr. Jeannot Simmen ist Autor, Ausstellungs- und Büchermacher. Er lehrte Kunst und Design an Universitäten in Berlin, Kassel, Wuppertal und Essen und ist Gründer sowie Vorsitzender des Club Bel Etage in Berlin, einem Ort kulturellen Austauschs und kreativer Initiativen.
Von Simmen stammen unter anderem die Bücher Der Fahrstuhl. Die Geschichte der vertikalen Eroberung und Vertikal. Aufzug – Fahrtreppe – Paternoster. Eine Kulturgeschichte vom Vertikal-Transport.

Alle bisher von Dr. Jeannot Simmen auf Senkrechtstarter erschienenen Kolumnen sowie ein Interview mit dem Kulturwissenschaftler finden sich unter VÖLLIG VON SIMMEN.

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