Alle Artikel von Isabelle Rondinone

Was ist der Fahrstuhleffekt?

Fahrstuhleffekt

Mit dem Begriff „Fahrstuhleffekt“ beschreibt der Soziologe Ulrich Beck die Aufwärtsbewegung, die er bei den Gesellschaftsschichten der Bundesrepublik Deutschland seit den 1950er-Jahren beobachten konnte.

Immer nach oben – das hört sich doch gut an! Auf den ersten Blick schon. Doch während über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg der Wohlstand zunahm, blieb die soziale Ungleichheit weitgehend konstant.

Definition: Fahrstuhleffekt einfach erklärt

Populär machte Ulrich Beck den „Fahrstuhleffekt“ durch sein Buch „Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne“, eine Abhandlung über den strukturellen Wandel der deutschen Gesellschaft nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Kernthese von Beck: Ehemalige identitätsstiftende Strukturen wie Stände, Klassen oder Milieus treten immer stärker in den Hintergrund. Statt sich dem Schicksal eines Standes oder einer Klasse zu ergeben – wie es im Mittelalter oder im 19. Jahrhundert der Fall war –, setzen heute die Menschen die Bausteine ihrer Biografien individuell zusammen.

Der wesentliche Treiber für die Individualisierung ist laut Beck der Fahrstuhleffekt: Die gesamte deutsche Gesellschaft wurde ruckartig um eine Etage nach oben befördert. Warum? Befeuert unter anderem durch das Wirtschaftswunder („Wohlstandsexplosion“) haben die Klassen und Schichten in der Bundesrepublik „ein kollektives Mehr“ erfahren. Alle Menschen – ob Arbeiter oder Akademiker – verdienten mehr, konsumierten mehr, hatten mehr Freizeit und einen besseren Zugang zu Bildung. Allerdings haben sich die Abstände in der Klassenhierarchie und damit die soziale Ungleichheit nicht verändert. Ungleichheitsverhältnisse blieben gleich.

Ein Beispiel für den Fahrstuhleffekt

Der Fahrstuhleffekt ist laut Beck an der Lebenszeit, der Arbeitszeit und dem Arbeitseinkommen abzulesen. Während die Lebenserwartung und das Einkommen ansteigen, geht die Arbeitszeit nach unten.

Weil beispielsweise der Lohn von Industriearbeitern zwischen 1880 und 1970 um ein Vielfaches stieg, veränderten sich die Lebensbedingungen der Arbeiter, unter anderem durch:

  • erschwingliche Konsumgüter, etwa Autos oder Fernseher
  • größere und hochwertiger eingerichtete Wohnungen
  • Erholung und Urlaub
  • einen Anstieg der Sparquote, um beispielsweise Wohneigentum zu bilden

Geld und Konsum lösen die sozialen Klassen langsam auf. Unterschieden werden Menschen nun anhand ihres individuellen Stils, zum Beispiel anhand ihrer Kleidung.

Fahrstuhleffekt nach unten: Gibt es das auch?

Ja, einen Fahrstuhleffekt nach unten gibt es auch, denn der Fahrstuhleffekt führt nicht zwingend nach oben. Ebenfalls in seinem Werk „Risikogesellschaft“ beschreibt Ulrich Beck einen negativen Fahrstuhleffekt. Mit diesem Begriff beschreibt er die Abwärtsbewegung der gesellschaftlichen Schichten in der Bundesrepublik in den 1980er-Jahre. Die damalige Massenarbeitslosigkeit habe den sozialen Schichten einen Stoß versetzt und einen Fahrstuhleffekt nach unten ausgelöst.

Fahrstuhleffekt vs. Paternoster-Effekt: Gibt es einen Unterschied?

Lange Zeit wurden die Begriffe „Fahrstuhleffekt“ und „Paternoster-Effekt“ weitestgehend deckungsgleich verwendet. Fachleute benutzen sie, um dasselbe Phänomen zu beschreiben.

Ende der 1990er-Jahre griff der Politologe und Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge den Begriff auf und spezifizierte ihn. Im Unterschied zum Fahrstuhleffekt, der stets bewirkt, dass sich eine Gesellschaftsstruktur in Gänze nach oben oder unten bewegt, bewegen sich die gesellschaftlichen Schichten in Deutschland nach Meinung von Butterwegge eher wie mit einem Paternoster: „Die einen fahren nach oben, die anderen nach unten.“

Anders als der Fahrstuhleffekt, bei dem das Ungleichheitsverhältnis stets konstant bliebt, verstärkt der Paternoster-Effekt also die soziale Ungleichheit.

Ein ganz anderer Fahrstuhleffekt: BMW-Motorradtechnik

Bei BMW hat der Begriff Fahrstuhleffekt rein gar nichts mit Soziologie und Gesellschaftswandel zu tun. Hier geht es um Motoren und Technik. Der Effekt trat bei der sogenannten „Gummikuh“ auf – einem historischen Motorrad-Modell von BMW, mit Vollschwingenfahrwerk. Dieses Modell hat die Eigenart, dass sich die Hinterradfederung mit Zu- und Wegnahme vom Gas nach oben und unten bewegt. In Fachkreisen ist dieses Zweirad deshalb auch als Fahrstuhl-Motorrad oder Motorrad mit Fahrstuhl-Effekt bekannt.

Ambient Music: Warum ist Ambient die perfekte Fahrstuhlmusik?

Schindler Fahrstuhlmusik

Musik, die so unauffällig ist, dass sie leicht ignoriert werden kann – bei der wir ungestört unseren Gedanken nachgehen können, die konzentriertes Arbeiten ermöglicht und auch bei Gesprächen nicht stört. Das alles und noch viel mehr charakterisiert Ambient Music. Klingt langweilig? Das ist es ganz und gar nicht. Wir tauchen ein in die Sphären dieses spannenden Genres elektronischer Musik.

Definition: Was ist Ambient Music?

Unter den Begriff Ambient Music fallen verschiedene Spielarten elektronischer Musik, geprägt von langen, leisen sowie ausbalancierten Tönen. Neben elektronisch generierten Klängen finden vielfach auch Field Recordings, also Aufnahmen von Umgebungsgeräuschen, ihren Weg in die Stücke der Ambient Music. Diese stammen unter anderem aus der Natur, zum Beispiel Geräusche von Tieren, Wind oder Wellen, aber auch aus anderen Quellen.

Stimme – sei es als melodischer Gesang oder Sprechgesang – ist bei Ambient Music eher eine Seltenheit und wird, wenn überhaupt, sehr behutsam eingesetzt. Ebenso spärlich setzen die Künstler Beats und Rhythmen ein. Viel zu sehr würden diese Elemente Ambient Music in den Vordergrund rücken und ihrer originären Funktion als Hintergrundmusik entgegenstehen. Stattdessen wabert Ambient Music in Wellen durch den Raum – so allumspannend und schwer fassbar, dass für die Beschreibung der Musik gern sprachliche Bilder wie Klangteppich, Klangtapete oder Klanglandschaft herangezogen werden.

Wer hat Ambient erfunden?

Ein musikalisches Genre erfinden – geht das überhaupt? Bei Ambient Music scheint es so zu sein. In allen Publikationen und Abhandlungen zu Ambient Music fällt stets ein Name: Brian Eno. Mit keinem anderen Namen ist Ambient wohl stärker verknüpft. Der britische Musiker und Musikproduzent Eno hat sich zunächst als Musiker der Band Roxy Music bekannt gemacht, die er aber schon nach dem zweiten Album verließ. Von Beginn an experimentierte Brian Eno mit Keyboards und Synthesizer. Ausgehend vom opulenten Glam Rock fand er allmählich zu Minimal Music und dem heute sogenannten Ambient.

Offiziell aus der Taufe gehoben wurde das Musikgenre 1978 mit seinem Album „Ambient 1: Music for Airports“. Im Klappentext des Albums fügte er auch gleich eine Definition des Genres an. Ambient Music sei etwas, das sich ihrer Umgebung einfügt und Teil von ihr wird, sodass die Musik nicht isoliert von der Umgebung betrachtet werden könne. Gleichzeitig wird die Umgebung intensiver wahrgenommen. Sie erscheint angenehmer und spannender.

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Obwohl Brian Eno mit „Ambient 1: Music for Airports“ als Erfinder von Ambient Music in die Musikgeschichte eingegangen ist, gab es auch schon vorher Musikalben, die heute als Ambientplatten gelten. Die wohl allererste Ambientplatte stammt demnach nicht von Brian Eno, sondern von Wendy Carlos. Auf „Sonic Seasonings“, erschienen 1972, mischte sie instrumentale und elektronische Klänge mit Field Recordings und schuf ein musikalisches Abbild der vier Jahreszeiten.

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Welche Wirkung hat Ambient auf die Hörer?

Abgeschliffen, ohne Seele und Charakter ist Ambient Music ganz und gar nicht. Bei gut gemachter Ambient Music werden die zurückgenommenen, minimalistischen Klänge so eingesetzt, dass sie den Hörer in bestimmte Stimmungen versetzt. Das kann eine erholsame oder wohlige Stimmung sein, erzeugt durch warme, ausbalancierte Klänge. Dann ist Ambient Music die perfekte Entspannungsmusik. Musik an, Augen zu und Seele baumeln lassen. So lautet hier die Devise. Wer sich fallen und von den Klangwellen treiben lässt, findet sich wieder auf imaginären Reisen und in ausgeschmückten Traumlandschaften.

Ambient Music kann aber auch ganz anders: Dank frischer, moderner und lebendiger Klänge wirken manche Spielarten von Ambient Music stimulierend. Unbehagen, Schaudern und Frösteln kann Ambient Music ebenso hervorrufen wie Glück und Seligkeit. Auf vielen Pfaden menschlicher Empfindungen sind Ambient-Music-Künstler heute unterwegs – doch immer auf leisen Sohlen. Nur zu extremen Gefühlausbrüche motivieren sie nicht. So erzeugt Ambient Music zwar Stille – doch eine Stille, in die man gern hineinhorcht.

Wirkung von Ambient Music in öffentlichen Räumen

Brian Eno hatte Ambient Music als Hintergrundmusik im Sinn, die positiv auf die Menschen an öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Gebäuden wirkt. An Bahnhöfen und Flughäfen sollten sich die Passanten dank der Musik entspannen und ausruhen können. Ein akustisches Gegengewicht zu Schnelllebigkeit, Hektik und Stress.

Gleichzeitig soll Ambient Music die Eigenheiten der Umgebung betonen – und sie möglicherweise sogar beeinflussen. Ambient Music kann der Umgebung eine leichte Tönung geben; eine kaum wahrnehmbare Schattierung verleihen. Ähnlich wie die Duftpartikel eines Parfüms legen sich die wabernden Klänge von Ambient über den Raum und nehmen Einfluss auf die dort aufhaltenden Personen. Betreiber von öffentlichen Plätzen, Bürogebäuden und Kaufhäusern können sich diese Wirkung von Ambient Music durchaus zunutze machen, um die Aufenthaltsqualität an bestimmten Orten zu erhöhen, beispielsweise in Fahrstühlen, Wartehallen oder Einkaufscentern. Ob Musik ihre Zuhörer zu bestimmten Handlungen motivieren kann, ist jedoch umstritten.

Das sind die wichtigsten Ambient Künstler

Über die Jahrzehnte hinweg haben sich einige namhafte Künstler und Musiker mit Ambient beschäftigt. Wie bei so vielen Genres kann es keine vollständige Liste nicht geben. Ebenso kommt es unter Musik-Nerds bei der ein oder anderen Person immer wieder zu lebhaften Debatten, ob diese nun Ambient macht/machte oder nicht. Elf wichtige Namen seien dennoch hier stellvertretend genannt – quer durch die Geschichte des Genres:

  1. Brian Eno
  2. Jon Hassell
  3. Warren Sampson
  4. Sun Ra and his Solar Arkestra
  5. Lucette Bourdin
  6. Mixmaster Morris
  7. Michael Turtle
  8. Laraaji
  9. Biosphere
  10. Thomas Köner
  11. Max Richter

Ebenfalls eng mit den Anfängen von Ambient Music verknüpft ist der Name Erik Satie. Satie war ein französischer Komponist (gestorben 1925), dessen Arrangements die Neue Musik, Populärmusik sowie Sounddesign bis heute prägt. Aus seiner Feder stammt unter anderem Musique d’ameublement (übersetzt: Möbelmusik), mehrere Stücke aus dem frühen 20. Jahrhundert, die vor allem minimalistische elektronische Musik beeinflusste.

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Ambient – verwandte Stile und Abgrenzung

Es gibt sehr viele Arten elektronischer Musik sowie verschiedene kreative und gestalterische Arbeitsweisen mit Klängen und Geräuschen, die Ambient sehr nahekommen. Die Fülle an Genres und Subgenres auseinanderzuhalten und eindeutig voneinander abzugrenzen fallen selbst den größten Musikliebhabern schwer. Deshalb werden die Genre- und Subgenre-Bezeichnungen häufig synonym oder mit schwammiger Bedeutung verwendet.

Nah an Ambient Music, aber nicht mit ihr zu verwechseln, sind beispielsweise Sound Art und Sound Design sowie Environmental, Deep Listening, Electronica, Chill Out, Lounge Music, New Age, Brainwave Music und Space Music. Darüber hinaus existieren verschiedene Subgenres wie Ambient Club, Ambient Dub, Dark Ambient, Post-Industrial Ambient und Ambient Jungle.

Warum ist Ambient die perfekte Fahrstuhlmusik?

Ambient Music gehört zu denjenigen Musikgenres, die wir häufig in Fahrstühlen hören. Wirklich überraschend ist es nicht. Schließlich ist sie in vielen Fällen für den Zweck komponiert worden, um öffentlich zugängliche Räume für Personen, die sich in ihnen aufhalten, angenehm zu gestalten. Ihre zurückhaltenden, sanften Klänge fügen sich gut ein in die Atmosphäre in einem Fahrstuhl.

Als Fahrstuhlmusik behindert Ambient Music keine Gespräche unter Kollegen oder Telefonate. Auf dem Weg zum nächsten Meeting lenkt sie nicht ab und ist man allein unterwegs, kann man sich mit Lauschen der Musik die Zeit vertreiben. Kurzum: Ambient Music ist unscheinbar genug, dass sie nicht stört, gleichzeitig kein nerviges Hintergrundgedudel, sondern spannende und entspannende Musik.

Ambient Music und Muzak: Was ist Fahrstuhlmusik?

Häufig ist das, was wir typischerweise als Hintergrundmusik oder Fahrstuhlmusik bezeichnen, kein Ambient Music, sondern Muzak. Muzak war ursprünglich ein Markenname, unter dem die US-amerikanischen Firma Muzak Holding Gebrauchsmusik in der Mitte des 20 Jahrhunderts auf den Markt brachte.

Die Musik wurde und wird beispielsweise zur Beschallung von Ladengeschäften designt. Oft handelt es sich um Instrumentalmusik mit Elementen aus dem Smooth Jazz oder Lounge Music – und gilt als eher anspruchslose und gefällige Musik. Viele Eigenschaften von Muzak trifft ebenfalls auf Ambient Music zu, doch sind ihre Intention, Wirkung und Charakter von dem Genre zu unterscheiden.