Shared Living: Das Mehr durch flexible Transformation

Eine neue Wohntypologie des Shared Living: Temporäre Räume werden bedarfsorientiert und schnell neudefiniert. Quelle: Schindler/Zhengyang Ke

Mit seinem Konzept der Interchangeable Shared Units für On-Demand-Lebensräume gewinnt der Architekturstudent Zhengyang Ke den erstmals durchgeführten Studierendenwettbewerb von Schindler und ANCB. Sein Ansatz vor dem urbanen Kontext hoher Dichte: das Mehr an Möglichkeiten dank flexibler Transformation geteilter Räume.

Das Leben und Arbeiten wird zunehmend facettenreicher: Individualisierung und gar Umbrüche in der Lebensgestaltung führen zu Multigrafien. Damit verbunden sind wechselnde Anforderungen an die eigenen vier Wände. Die vielseitigen und sich wandelnden Interessen treffen speziell in urbanen Räumen jedoch auf eine hohe Dichte. So benötigt es neue Wohntypologien für die Zukunft.

Die verschiedenen Ausprägungen des Shared Living sind hier ein Ansatz, den der Architekturstudent Zhengyang Ke in seinem Gewinnerentwurf des Schindler/ANCB-Studierendenwettbewerbs perfektionierte. Mit seinen Interchangeable Shared Units für On-Demand-Lebensräume überzeugte er die Jury. „Kes Arbeit schafft eine gelungene Verbindung zwischen zukünftigem flexiblem Wohnen und Arbeiten, innenliegender Mobilität sowie dem Einsatz moderner digitaler Technologien“, erläutert Christian Schulz, Mitglied des Excecutive Commitees der Schindler Group.

Smart PHome: Flexible Wohnmodule für temporäre Nutzungsformate

Interchangeable Shared Units für On-Demand-Lebensräume werden flexibel mit Modulen für den jeweiligen Bedarf beschickt. Quelle: Schindler/Zhengyang Ke

Ausgangspunkt von Kes Entwurf „Smart PHome“ ist die Frage, wie Wohngrundrisse aussehen könnten, die nicht statisch und funktionsgebunden sind. „Das Konzept basiert auf meiner persönlichen Erfahrung“, beschreibt Zhengyang Ke seinen Ansatz, das Shared Living weiterzuentwickeln. „In meiner Familie hatten wir als Mehrgenerationen-Lösung in unserer Wohnung einen Raum für die Großeltern reserviert. Jedoch zogen sie nie ein, sodass dieses Zimmer von den Familienmitgliedern je nach Bedarf flexibel genutzt wurde. In Ruhe lernen, Sport treiben, gemeinsam spielen oder Handwerksarbeiten ausführen, alles war hier möglich.“

Diesen selbst erfahrenen Möglichkeitsraum schreibt Ke in seinem Entwurf fort, indem er Räume auf Basis der erwarteten Frequenz und Nutzungsdauer als permanent oder temporär anlegt. So definiert er wenige dauerhafte Einheiten für Schlaf, Toilettennutzung sowie Lagerung. Diese kombiniert er mit temporären Flächen, die mit Hilfe mobiler Module zum Beispiel für Arbeit beziehungsweise Lernen, Kochen, Duschen, Fitness oder Gästebeherbergung ausgestaltet werden.

Digital gestützte Raum-Transformation mit Hilfe von Inflatables

„Eine flexible Raum-Transformation on demand gelingt dann, wenn die mobilen Module einerseits eine große Bandbreite zur Ausgestaltung bieten, andererseits über ein geringes Transportvolumen verfügen, sodass eine agile innenliegende Mobilitätslösung möglich wird“, beschreibt der Student der Leibniz Universität Hannover seine Überlegungen. Für seine Kreation knüpft er deshalb an die Idee der sogenannten Inflatables aus den 1960er Jahren an. „Aufblasbare Konstruktionen ermöglichen eine enorm schnelle Neudefinition der temporär genutzten Flächen. In Kombination mit wendigen Transportrobotern entsteht eine effiziente Logistiklösung“, so Ke.

Und sogar das Schindler Port-System, welches schon heute den Personentransport in großen Gebäuden mit mehreren Fahrstuhleinheiten optimiert, hat der Gewinner in seinen Entwurf integriert: Die Koordination der Roboter über ein Access Management System sichert eine abgestimmte Logistik und für die Bewohner den gewohnten Fluss der unterbrechungsfreien Raumnutzung. Ke: „Das Transit Management Port berechnet für jeden Nutzer den effizientesten Weg zum Ziel im Gebäude.

Ein Baustein dabei ist, dass etliche Personen wiederkehrende Ziele haben und so das System vorausschauend planen kann. Analog ist die digitale Steuerung der Raum-Transformation zu verstehen: Trotz aller Flexibilität wird es Raumformate geben, die zu bestimmten Zeiten mit großer Regelmäßigkeit abgerufen werden, zum Beispiel morgens ein Dusch-Modul. Das Access Management System kann hier auf Basis von Erfahrungswerten Prognosen abbilden und die Raum-Transformation hoch effizient steuern.“

Aufblasbare Konstruktionen, zum Beispiel als temporäre Räume für Arbeit, Lernen, Fitness, Kochen, Duschen oder Gästebeherbergung. Quelle: Schindler/Zhengyang Ke

Zukunftsbedarf schon heute

Wie nah seine Idee schon heute an den Bedürfnissen der Lebenswirklichkeit ist, erklärt Ke auch wieder anhand einer eigenen Erfahrung: „Ich wohne in einem kleinen Einzimmerappartement im Studentenwohnheim. Für den im Studium anstehenden Modellbau würde ich einen zweiten Raum benötigen. Aber eben nur temporär für diese Phase. Die Möglichkeit, auf temporären Flächen einen Raum auf Zeit hinzumieten zu können, wäre grandios.“

Dass er mit seinem Entwurf den ersten Preis gewinnen würde, hätte er nicht gedacht: „Dies ist der erste Wettbewerb, an dem ich teilgenommen habe. Der Gewinn ist eine Überraschung und eine große Freude für mich. Sehr dankbar bin ich, dass der Wettbewerb von Prof. Tobias Nolte in das Studio „Domestic Automatons“ integriert worden ist, wodurch ich viele gute Impulse für meinen Entwurf erhalten habe.“ Dass der Gewinn für den Studenten hochverdient ist, erklärt Christian Schulz: „Faszinierend fanden wir, wie Ke mit seinem Entwurf die Aufgabenstellung unseres Wettbewerbs ‚Access the future: Connecting us to new habitats‘ in allen Facetten umsetzte und überdies deutlich über bisherige Shared-Living-Konzepte hinausdachte. Dies ist ein innovativer Entwurf, der uns in der Architektur sicher nachhaltig inspirieren wird.“

Zhengyang Ke

Der Architekturstudent Zhengyang Ke ist 26 Jahre alt und studiert im 3. Mastersemester an der Leibniz Universität Hannover. Der gebürtige Chinese startete sein Architekturstudium 2016 an der Universität Wuppertal, wo er 2019 mit dem Bachelor abschloss. Vor seinem Start des Masterstudiengangs 2020 absolvierte er ein sechsmonatiges Praktikum bei v-architekten in Köln.

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