Buchtipp: Berliner Haus mit Eigenschaften

Edle Details: Aufzüge im Palais Holler. Foto: Nöfer ArchitektenEdle Details: Aufzüge im Palais Holler. Foto: Nöfer Architekten

Die Stadt lebt und wird weitergebaut. Gerade auch in Berlin. Doch was hier seit Jahren entsteht, ist nicht unbedingt immer erstklassig. Der Architekt Tobias Nöfer hat nun den Versuch unternommen, urbane Architektur nach historischem Vorbild zu bauen. Dass das Ergebnis äußerst zeitgemäß wirkt, liegt auch an seinem Geschichtsbewusstsein. Wie man in unserem Buchtipp nachlesen kann.

Seit rund 30 Jahren benutzen Architekten nun die Hauptstadt als ihren persönlichen Abenteuerspielplatz. Und Erstaunliches ist dabei entstanden. Arno Brandelhuber etwa haben wir das Konzept eines bewohnbaren Rohbaus zu verdanken. Von David Chipperfield haben wir gelernt, behutsam mit historischer Substanz umzugehen – und dennoch mutig Neues zu schaffen. Baugruppen, Townhouses, Gated Communities – kaum ein Trend, der in Berlin nicht ausprobiert wurde oder wird. Vor allem aber haben zuletzt die großen Entwicklungsgebiete wie Heidestraße und Mediaspree das Antlitz der Stadt verändert. Leider nur allzu oft nach dem Motto: quadratisch, praktisch, gerade gut genug.

Buchtipp: Auseinandersetzung mit dem urbanen Erbe

Natürlich ist auch dort teils spannende, moderne Architektur entstanden. Doch wer abends durch die verwaisten Straßen flaniert fragt sich unwillkürlich, was die Städtebauer zu Beginn des 20. Jahrhunderts besser gemacht haben. Warum ihre Vision von Stadt so vibrierend und vital wirkte. Und unsere heutige zu oft zu kalt und leer.

Eine interessante Antwort auf diese Frage liefert nun der Architekt Tobias Nöfer mit seinem Projekt Palais Holler. Und der wirkt auf den ersten Blick ziemlich unmodern. Denn hinter diesem Bau steht der Gedanke, die Tugenden der Belle Epoque wieder aufleben zu lassen. Bürgerliches Wohnen im Zentrum der Stadt. Mit luxuriösen Materialien und einer Architektur, die eher auf exquisite Details denn auf überfrachtete Konzepte setzt. Aber was hat das alles nun mit einer modernen Idee von Stadt zu tun?

Urbanes Erbe: Nöfer hat das neue Stadtpalais in der Tradition eines Alfred Messel geschaffen. Foto: Nöfer Architekten

Im Schulterschluss mit den Nachbarn

Ziemlich viel – oder nichts. Darüber muss sich der Leser des Begleitbandes „Haus mit Eigenschaften“ selbst eine Meinung bilden. Die Idee aber ist die: Die berühmte Berliner Mischung funktionierte, weil sie jedem ein Plätzchen bot. Weil sich jeder einzelne Bau in die Flucht der Häuserschluchten fügte. Und selbst nur im Detail glänzte.

Was dem Palais zweifellos gelingt, ist Individualität auf geringstem Raum zu schaffen. Statt eines ganzen Stadtviertels, das sich einem Thema oder einer Klientel widmet, begnügt sich der Bau damit, Teil einer bestehenden Zeile mit bestehendem sozialen Gefüge zu sein. Und doch eine ganz spezielle Qualität zu bieten, die seine Bewohner nur hier vorfinden. Während Berlin heute am Stadtrand als Dorf aus Einfamilienhäusern weitergebaut wird, zeigt das Palais, wie um die Jahrhundertwende die Stadt nach den Bedürfnissen der Stadt weitergebaut wurde: hoch, im Schulterschluss mit seinen Nachbarn. Und doch mit viel Sinn für die individuelle Gestaltung. Lebendige Quartiere entstanden, die heute noch als solche funktionieren – wie zum Beispiel der Prenzlauer Berg.

Stadt als Stadt weiterbauen – und nicht als Dorf

Die Diskussion in unserem Buchtipp ist allerdings noch eine andere. Nämlich eine Ästhetische. Mit dem Titel stellt Nöfer eine Parallele zu O.M. Ungers „Haus ohne Eigenschaften“ her. Reine Funktion ohne jeglichen Schmuck – so stellten sich moderne Architekten lange Zeit die Zukunft des Wohnens vor. Man denke dabei auch an Alfred Loos vielzitierten Aufsatz „Ornament und Verbrechen“. Details waren in der Architektur lange Zeit als Ausdruck bürgerlicher Dekadenz verpönt. Ja, als Gestaltungsmittel sogar unter Verdacht, das soziale Leid hinter der Fassade zu übertünchen. Allein in Kreuzberg fielen rund 1400 Häuser der großangelegten „Entstuckung“ zum Opfer. Was übrig blieb, waren hohläugige Bauten, die das Bild von der anonymen Großstadt nur beförderten.

Gute Nachbarschaft: Die Fassade des Palais setzt Akzente in der Häuserflucht, ohne sie zu dominieren. Foto: Nöfer Architekten

Und woran uns Nöfer zu Recht erinnert: Den Helden des Neuen Bauens, wie Walter Gropius, verdanken wir die gänzlich unstädtischen Großsiedlungen mit ihren großen sozialen Problemen. Warum also nicht die Stadt als Stadt weiterbauen – und nicht als Dorf, Großsiedlung oder Retortenkiez? Das Palais Holler jedenfalls macht einen starken Punkt für diesen Vorschlag. Allerdings muss man zugeben, dass dies im hochpreisigen Segment wesentlich leichter ist, als im sozialen Wohnungsbau. Schließlich lockt das Umfeld am Kurfürstendamm eine solvente Klientel, die sich derart luxuriöse Architektur überhaupt leisten kann.

Dennoch ist das Werk für jeden interessant, der sich einmal aus anderer Perspektive mit dem Städtebau auseinander setzen möchte. Denn es liefert einen Anschluss an die Architekturauffassung eines Alfred Messels, der um die Jahrhundertwende Berlin zu erstem Glanz verhalf. Der aktuellen Berliner Mischung stünde ein wenig mehr miteinander jedenfalls sicher gut zu Gesicht.

Buchtipp: „Haus mit Eigenschaften – das Palais Holler am Kurfürstendamm“ von Tobias Nöfer. Wasmuth & Zohlen Verlag 2019, 208 Seiten mit zahlreichen farbigen und s/w Abbildungen, 48 Euro.

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