Kiruna: Eine Stadt zieht um

Erzstadt Kiruna: Im Vordergrund das neue Rathaus. Hinten links der Abraumberg mit dem charakteristischen Turm der Mine. Quelle: Peter Rosén/Henning Larsen

Bodenschätze von einzigartiger Qualität haben die Stadt Kiruna reich gemacht. In den Gruben wird jeden Tag genug Eisenerz gefördert, um theoretisch sechs Eiffeltürme zu bauen. Und der Abbau geht weiter. Das Problem ist nur: Das Erz liegt unter der Stadt. Deshalb muss sie nun umziehen. Das erste Gebäude der neuen Stadt ist gerade fertiggestellt worden.

Der nur knapp 18.000 Einwohner zählende Ort Kiruna in Nordschweden ist ein Ort der Superlative. Denn 90 Prozent des europäischen Eisenerzes stammt aus der Mine. 950 Millionen Tonnen des Gesteins sind hier seit Beginn des Bergbaus im Jahr 1898 gefördert worden.  Ein vier Kilometer breiter und achtzig Meter dicker Keil aus hochreinem Erzgestein schiebt sich schräg unter die Stadt – bis in mindestens zwei Kilometer Tiefe. Und das ist das Problem.

Das neue Rathaus: Neben dem Gebäude der Glockenturm aus dem „alten“ Kiruna. Quelle: Hufton+Crow/Henning Larsen

Das neue Rathaus: Neben dem Gebäude der Glockenturm aus dem „alten“ Kiruna. Quelle: Hufton+Crow/Henning Larsen

Umzug einer ganzen Stadt

Denn seit den 1960er Jahren wird das Erz nicht mehr im Tagebau gefördert, sondern im Inneren des Berges abgebaut. Die Maschinen und Bergarbeiter dringen immer weiter in die Erde vor, derzeit arbeiten sie in 1365 Meter Tiefe. Das hat Folgen: Absinkende Böden und Erschütterungen bedrohen die Stabilität der Gebäude an der Oberfläche.

Deshalb hat die Minengesellschaft bereits 2004 beschlossen, die Stadt zu verlegen, um tiefer in die Erde eindringen zu können. Die rund 18.000 Einwohner sollen drei Kilometer weiter in eine neue Stadt ziehen. 3050 Häuser und fast 200.000 Quadratmeter Gewerbe-, Schul- und Bürofläche werden abgerissen und neu errichtet. 1,3 Milliarden US-Dollar hat die Minengesellschaft dafür bislang bereitgestellt.

Blick in das neue Rathaus: Einheit und Solidarität durch Kreisform. Quelle: Hufton+Crow/Henning Larsen

Blick in das neue Rathaus: Einheit und Solidarität in Kreisform. Quelle: Hufton+Crow/Henning Larsen

Büro mit viel Erfahrung

Nun ist das erste Gebäude der neuen Stadt fertiggestellt worden. Hinter dem Projekt steht das Kopenhagener Architekturbüro Henning Larsen. Das Büro wurde 1959 gegründet und beschäftigt heute rund 300 Mitarbeiter in Kopenhagen, Oslo, München, New York, Hongkong und auf den Färöer-Inseln. Henning Larsen erhielt den Auftrag im Mai 2012 nach einer Ausschreibung, an der 56 Architekten teilgenommen hatten. Er hatte sich bereits zuvor einen Namen bei der Neukonzeption städtischer Infrastruktur gemacht.

Geometrische Formen, Stein, Holz und Metall: In der Gestaltung spiegeln sich Stadt und Region wieder. Quelle: Hufton+Crow/Henning Larsen

Geometrische Formen, Stein, Holz und Metall: In der Gestaltung spiegeln sich Stadt und Region wieder. Quelle: Hufton+Crow/Henning Larsen

Ein Rathaus namens Kristall

Das neue Rathaus von Kiruna versteht sich als Hommage an die Geschichte der Stadt. Es wird „Kristall“ genannt und bezieht sich gestalterisch auf die Geometrie von Eisenmineralien. Ein innerer Kern bietet Platz für Gemeinschaftsräume und Büros. Eine glatte Glas- und Natursteinfassade deckt den inneren Kern ab. Das Rathaus besteht außerdem zum Teil aus recyceltem Baumaterial des alten Rathauses. Nach und nach werden die bestehenden Gebäude abgerissen – bis mindestens in die 2030er-Jahre hinein. Gut möglich, dass auch Teile des alten Kirunas als Geisterstadt für die Nachwelt bestehen bleiben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.