Interview zum Schindler Global Award 2019

Schindler Global Award 2019 in Mumbai

Thomas Oetterli ist seit 2016 CEO von Schindler, er gehört auch dem Verwaltungsrat an. Er begann 1994 im Unternehmen und arbeitete sich vom Buchhalter in seine heutige Position empor. Ein Interview zum Schindler Global Award 2019.

Der Schindler Global Award 2019 ist der dritte weltweite Wettbewerb mit dem Schwerpunkt urbanes Design – ein nachhaltiges Engagement von Schindler, um einen Beitrag zur Debatte über Stadtplanung zu leisten. Warum ist das für das Unternehmen wichtig?

Schindler betrachtet den Schindler Global Award als eine Möglichkeit, die Denkweise des Unternehmens – unser Fokus liegt auf einem barrierefreien, nachhaltigen vertikalen Mobilitäts- und Verkehrsmanagement – in Übereinstimmung mit weltweit relevanten, großmaßstäblichen Themen zu bringen. Wir sehen es als unsere Pflicht, verschiedene Initiativen zu unterstützen. Dazu gehört der Award, der sich an Herausforderungen und Möglichkeiten im Zusammenhang mit der Urbanisierung richtet. Studierende der Architektur, der Landschaftsarchitektur, des Städtebaus und der Stadtplanung stehen noch ganz am Anfang ihrer beruflichen Karriere. Sie werden mit Sicherheit eine Rolle bei der Gestaltung künftiger Städte spielen.

Format für Studierende

Der Schindler Global Award ist ein hervorragendes Format für Studierende, sich mit globalen Themen auseinanderzusetzen und dafür neue Ideen und Ansätze zu präsentieren. Mit dem Award unterstützen wir ihren Beitrag zur weltweiten Debatte über eine nachhaltige Stadtentwicklung. Wir haben aus den Beiträgen in den Jahren 2015 und 2017 viel gelernt und freuen uns darauf, 2019 noch mehr zu erfahren.

Der Fokus auf die Urbanisierung ist interessant, wenn man davon ausgeht, dass Aufzüge und Rolltreppen normalerweise mit dem Innenbereich von Gebäuden in Zusammenhang gebracht werden und nicht mit der Stadt als Ganzem. Trotzdem betrachtet sich das Unternehmen selbst ganz klar als jemand, der einen Beitrag zur Stadt leistet. Können Sie dies etwas näher erläutern?

Aufzüge und Rolltreppen sind in erster Linie eine Art öffentliches Transportsystem. Sie ermöglichen die Errichtung von Städten, so wie wir sie kennen: Gebäude mit mehr als fünf oder sechs Etagen sind nahezu undenkbar und mit Sicherheit unpraktisch ohne mechanisierte vertikale Transportsysteme. Ohne Aufzüge und Rolltreppen gäbe es keine dicht besiedelten Städte mit hohen Gebäuden. Der Award konzentriert sich auf die Stadt, weil unsere Arbeit von Natur aus städtebezogen ist. Wir untersuchen, wie Menschen sich bewegen – von zu Hause zur Arbeit gelangen und alles dazwischen. Das heißt, dass wir das, was wir tun, als einen integralen Bestandteil eines großen Systems innerhalb der Städte betrachten. Die Dinge ganzheitlich zu verstehen, hilft uns, unsere Kunden besser bedienen zu können, und ist ein Beitrag, das städtische Leben allgemein zu verbessern.

Offene Arbeitsweise

Der Fokus des Awards liegt auf der Mobilität – gemäß der Auffassung, dass wir “durch Mobilität urban” sind. Was können Studierende, die am Schindler Global Award teilnehmen, aus dieser Art, die Stadt zu verstehen, mitnehmen?

Ganz einfach gesagt, ist Mobilität eine der wichtigsten Bestandteile der Urbanisierung. Wenn Mobilität nachhaltig sein kann und allen Zugang zu den urbanen Annehmlichkeiten bietet, dann kann jeder in einer Stadt – und darüber hinaus, denn wir sprechen von weltweiter Nachhaltigkeit – davon profitieren. Wir hoffen, dass die Teilnehmer des Schindler Global Awards die Macht der Mobilität erkennen, das Leben jedes Einzelnen in den Städten positiv zu beeinflussen. Außerdem wünschen wir, dass sie die Vorteile sehen, in einem offenen Format zu arbeiten, um Ideen zu teilen, und Freude daran haben, Antworten auf komplexe Fragen zu finden, wie sie in den Wettbewerbsunterlagen gestellt werden.

Was macht Indien als Schauplatz für den aktuellen Wettbewerbszyklus so interessant?

Thomas Oetterli

Thomas Oetterli, seit 2016 CEO der Schindler Group, zudem Mitglied des Verwaltungsrats

Indien ist einer unserer größten Märkte. 1998 haben wir Schindler India, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft, aufgebaut, und derzeit erweitern wir die Produktionsanlagen, dazu gehört auch die erste Fabrik des Landes, die Rolltreppen herstellt! Überall in Indien erleben die Städte ein urbanes Wachstum in Form von super hohen, super schmalen Türmen bis hin zu kleineren Gebäudekomplexen. Natürlich müssen diese Bereiche allen zugänglich gemacht werden, und unsere Produktpalette bietet das alles: vom bescheidenen Wohnungsbauprojekt bis hin zu Meilensteinen der Entwicklung. Indische Städte sehen sich zahlreichen Herausforderungen gegenüber, aber sie sind auch sehr interessante Beispiele dafür, wie Städte verbessert und verändert werden können, um für die Einwohner lebenswerter zu sein. Wir hoffen, dass der Award ein paar inspirierende originelle Denkansätze der Studierenden, vor allem für Mumbai, hervorbringen kann.

Smarte Systeme

Welche Trends machen Sie in Sachen Urban Mobility aus?

Derzeit konzentrieren wir uns auf Innovationen in Bezug auf die Funktionsweise von Aufzügen und wie Menschen mit ihnen interagieren. In den 1990ern waren wir Wegbereiter für das erste Verkehrsmanagementsystem, und wir profitieren auch weiterhin von den Möglichkeiten der Digitalisierung. Es wird oft über smarte Städte gesprochen, und wir machen Aufzugsysteme smarter. Wir verbessern die Wartung, den Einbau und sogar die Herstellung der Teile unter Verwendung modernster Technologie.

Es ist klar, dass Schindler Aufzüge und Rolltreppen als wichtige “Hardware” für eine nachhaltige Urbanisierung betrachtet, um Städte lebenswerter zu machen. Können Sie mehr zu der auf der Digitalisierung basierenden “Software” des vertikalen Transports als Verkehrsmanagement sagen? Können Sie erklären, was das ist und wie es zu diesen Zielen beitragen kann?

Verkehrsmanagement beschäftigt sich damit, wie Menschen sich innerhalb eines Gebäudes bewegen und wie die vertikalen Transportsysteme deren Bewegungsbedarf gerecht werden. Schindler kam in den 1990ern als erstes mit der “Zugangskontrolle” auf den Markt. Bei diesem System geben die Nutzer ihren Zielort im Gebäude ein und werden dann auf den effizientesten Weg verwiesen. Das spart Energie und Zeit. In einem Gebäude mit tausenden Menschen sind diese beiden Einsparmöglichkeiten extrem wichtig.

Die ganze Stadt berücksichtigen

Die Abfahrtszeiten der Pendlerzüge haben Auswirkungen auf den Bedarf an Aufzugkapazitäten. Foto: Schindler Group

Ich finde es interessant, dass das Verkehrsmanagementsystem zunehmend auch die ganz Stadt berücksichtigt – das Gebäude und die vertikalen Transportsysteme sind für die meisten Menschen nur der letzte Schritt ihrer Reise. Wir interessieren uns für alles, was geschieht, bevor sie einen Aufzug oder eine Rolltreppe betreten. So kann es beispielsweise hilfreich sein, die Fahrtzeiten der Pendlerzüge zu kennen, um den Nutzern des Gebäudes möglichst effektiv zu helfen, indem Menschenströme in einem Gebäude jederzeit vorhergesagt werden. Daten und Analysen sind für uns in allen Größenordnungen von Bedeutung. Ich schätze, dass das ebenfalls zur “Software” gehört. Die Studierenden sollten bedenken, wie ein Gebäudesystem mit einem viel größeren urbanen System interagieren kann.

Von China nach Brasilien und Indien

Der Schauplatz für den ersten Schindler Global Award war Shenzhen, dann zog der Award weiter nach São Paulo und nun Mumbai. Warum ist der Fokus global?

Business ist global und die Praxis der Architektur oder der Stadtplanung ist ebenfalls global. Auch die noch so lokal fokussierten Firmen sind auf Materialien und sogar Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Einige Firmen arbeiten auf allen Kontinenten, sie nutzen internationale Teams. Das ist aufregend für mich – und genau so arbeiten wir bei Schindler mit 60.000 Mitarbeitern in der ganzen Welt. Auch die Debatte über Städte ist global, und die Städte werden sogar immer prominenter. Einige besitzen fast den gleichen Status wie Länder! Die Welt außerhalb des eigenen Kontextes zu kennen und sich an breiten gesellschaftlichen Diskussionen zu beteiligen, ist in der Berufswelt sehr hilfreich. Wir empfehlen den Studierenden, die am Schindler Global Award teilnehmen, diese global orientierte Denkweise möglichst früh in ihren Reifungsprozess einzubinden und bei der Ausformung ihrer Ideen zu nutzen.

Welche Rolle kann vertikale Mobilität am Schauplatz des Wettbewerbs und bei den Aufgaben für Mumbai einnehmen?

Mobilität ist vielseitig. Ich glaube, es ist interessant, den Gesamtaspekt von Mobilität am Schauplatz zu berücksichtigen, statt nur auf die vertikale Mobilität zu schauen. Die Studierenden sollten Mobilität in einem weiteren Sinne betrachten als eine horizontale oder vertikale Verbindung von Punkt A nach Punkt B, sondern eher als eine kontinuierliche Bewegung. Geht man diesen Aspekt am Schauplatz an, bietet das einen sehr interessanten Ausgangspunkt für die Studierenden. Dank der Digitalisierung und neuer Technologien koppeln wir plötzlich wie nie zuvor Möglichkeiten, sich in einer Stadt zu bewegen. Daran haben wir bei Schindler sehr großes Interesse.

Chance, die Stadt zu verändern

Der Schauplatz erstreckt sich über eine lange Distanz entlang der zentralen, dicht besiedelten Halbinsel von Mumbai. Ich würde sagen, dass eine starke Planung dort ein riesiges Potenzial birgt, die Stadt wirklich zu verändern. Mit den bestehenden Bahnlinien, Schnellstraßen und Straßen, der nicht in Betrieb befindlichen Monorail-Bahn sowie den neuen, kommenden Metrolinien und sogar einer Fähre wird der Schauplatz durch seine Mobilität bestimmt.

Blick auf Mumbai, der Metropole, mit der sich die Studierenden befassen werden. Foto: Schindler Group

Der vergrößerte Teil des Schauplatzes, wo die Studierenden ihre Ideen in urbanen und regionalen Maßstäben mit einer speziellen, ortsgebundenen Planung verknüpfen, darf sich nicht nur auf die Frage, wie Menschen sich bewegen, beschränken, sondern muss auch auf das Warum eingehen. Wo gehen die Menschen hin? Was machen sie? Und damit die Entwürfe wirklich umfassend sind, sollten die Studierenden auch nicht vergessen, alle Einwohner von Mumbai zu berücksichtigen. Die Projekte sollten sich nicht nur auf eine sozioökonomische Gruppe konzentrieren. Nicht nur die Reichsten oder die Ärmsten – ich meine alle.

Haben Sie noch letzte Anregungen für die Studierenden, die am Schindler Global Award 2019 teilnehmen?

Recherchieren Sie und verstehen Sie den Kontext. Es reicht nicht aus, etwas Neues und Innovatives zu entwerfen. Sie müssen es auch auf den speziellen Kontext zuschneiden. Die besten Beiträge der letzten beiden Global Awards haben dies auf intelligente Art und Weise geschafft. Ausserdem hilft eine gezielte, klar kommunizierte Ausrichtung, um Ideen eindeutig zu vermitteln. Das ist im beruflichen Leben unerlässlich! Die Schindler Global Awards sind eine spielerische Möglichkeit, viele Fertigkeiten zu üben, vom Entwurf bis zur Teamarbeit und auch in Sachen Kommunikation und strategischem Denken.

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