Quadratur der Vertikalen: Chipperfield für Seoul

“Nicht fort sollt ihr euch entwickeln, sondern hinauf”, diktierte Nietzsche. Aber warum eigentlich nicht einmal in die Breite? Was Stararchitekt David Chipperfield für Seoul gebaut hat, überzeugt zumindest gerade durch die Harmonie zwischen vertikaler und horizontaler Ausdehnung. Die neue Firmenzentrale des koreanischen Kosmetikunternehmens Amorepacific setzt Akzente in der Skyline, ohne sie zu dominieren.

Die soziale Verträglichkeit von vertikalen Strukturen für den Stadtraum wird immer wieder diskutiert. Meist geht es ja gerade darum, seine Nachbarn zu überragen. Was man natürlich als bauliche Fortführung der Ellenbogengesellschaft interpretieren kann. Aber längst nicht jedes Hochhaus tritt mit dem Imponiergehabe eines Trump Towers auf den Stadtplan. Nicht jeder Supertall strebt in die Höhe, ohne Themen der Zeit wie Stadtraum, Nachhaltigkeit und soziale Aspekte zu berücksichtigen.

Modern und Naturverbunden: Chipperfield hat einen – trotz seiner monumentalen Dimesionen – leichten und offenen Bau geschaffen. Copyright: Noshe via David Chipperfield Architects.

Ein schönes Beispiel für die Gestaltungsmöglichkeiten, die sich auch beim Hochhausbau ergeben, ist nun Chipperfields Beitrag für Seoul. Anstatt ein weithin sichtbares Zeichen in die Skyline zu setzen, steht der Neubau im Dialog zum umgebenden Raum. Allein schon seine Kubatur setzt nicht auf Überwältigung, sondern auf ein Miteinander. Annähernd ebenso hoch wie breit (110 mal 90 Meter), ist es deutlich niedriger als viele seiner Nachbarn. Die nach allen Seiten offene Eingangsebene führt direkt in die Mitte des Gebäudes mit seinem großzügigen Atrium. Hier werden Konzerte, Kunstinstallationen und Lesungen veranstaltet. Drumherum gruppieren sich ein Museum, ein Teehaus, eine Bibliothek und Geschäfte. Öffentliche Orte, welche die Bewohner der Stadt zur Mitbenutzung des Gebäudes einladen.

Ein echter Chipperfield für Seoul

Guter Nachbar: Neuer Firmensitz von Amorepacific in Seoul. Copyright: Laurian Ghinitoiu via David Chipperfield Architects.

In den oberen Stockwerken finden sich neben Büros ein Auditorium in Form eines Amphitheaters, Park und Wasserflächen. Auf jeder Seite des Gebäudes bieten große Torbögen in der Fassade spektakuläre Ausblicke auf die Stadt. Insgesamt wirkt das Gebäude daher trotz seiner monumentalen Struktur durchlässig und transparent. In der Materialität zeigt sich Chipperfields Handschrift: Sichtbeton und Natursteinelemente im Sockelgeschoss, filigraner Sonnenschutz aus Aluminium vor der Stahl-und-Glas Fassade. Das wirkt alles sehr elegant und spielerisch und überzeugt im Detail. Die Gebäudetechnik setzt auf Solarthermie, Erdwärme, natürliche Belüftung während der Hälfte des Jahres, Fassadenverschattung und hohe Tageslichtausbeute. Auch hier ist Chipperfield also auf der Höhe der Zeit. Insgesamt also eine Firmenzentrale, die so manches Geschäftsviertel rund um den Globus zieren würde.

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