Zu dick für den Fahrstuhl?

Zwar kommen Aufzug und Fahrtreppe ohne Verkehrszeichen aus. Und man braucht keinen Führerschein, um mit ihnen zu fahren. Zahlreiche Normen und Vorschriften für ihre Benutzung gibt es dennoch. Unser Experte erklärt regelmäßig, warum sie so wichtig sind und was sie bedeuten. In dieser Woche: Was bedeutet die maximale Personenlast in Fahrstühlen? Und können zu viele dicke Menschen den Aufzug überfordern?

Dick, dünn, klein, groß – die Menschen kommen in vielerlei Gestalt daher. Für diejenigen, die für die Standardisierung von technischen Geräten und Einrichtungen zuständig sind, ist das natürlich eine Zumutung. Deshalb vereinfachen und rationalisieren sie, um überhaupt brauchbare Werte zu erhalten.

Norm für die Ewigkeit

Mittelwerte muten daher oft wie Willkür an. Ganz so ist es aber nicht, denn meist steht eine komplexe Berechnung dahinter. So auch bei der Maximallast von Fahrstühlen. Der französische Militäringenieur Charles Renard stand 1877 vor der Aufgabe, einen Kabelwust gordischen Ausmaßes zu entwirren. Denn das Militär hatte damals sagenhafte 425 Kabelstärken auf Lager, um die Fesselballons der Luftwaffe entsprechend der Zuladung auszurüsten. Renard rechnete akribisch nach und fand heraus, dass eigentlich 17 verschiedene Kabelstärken vollkommen ausreichten. Praktischer Weise liefert er gleich noch die passende Formel, nach der sich viele Größenbezüge errechnen lassen: die sogenannte Renard-Serie.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Renard-Serie dann beim Budapest International Congress in internationale Normen eingeführt. Und da die Normen seit den 1960ern in Deutschland eine Zulast im Aufzug von 75 Kilogramm pro Person sowie eine Grundfläche von mindesten 0,15 Quadratmeter fordern (auch die 2017 in Kraft getretene europäische Norm EN 81-20 rechnet im Prinzip noch mit diesen Werten), ergeben sich in Verbindung mit der Renard-Serie die gängigen Traglasten von Aufzügen: 450 Kilogramm (kg), 630 kg, 800 kg, 1000 kg, 1275 kg, 1600 kg, und so weiter …

Rechenspiele mit Sumoringern

Was aber, wenn in einen Fahrstuhl für sechs Personen à 75 kg und einer Maximallast von 450 kg sechs Sumoringer mit je 120 kg Kampfgewicht (zusammen also 720 kg) einsteigen? Nun, zunächst einmal wird es in der Kabine ziemlich eng! Einen Absturz muss aber trotzdem keiner der sechs befürchten. Denn die Sicherheitsbestimmungen sehen vor – und auch dafür sind Normierungen ja gut – dass die vorgeschriebenen Sicherheitseinrichtungen greifen müssen, sobald die Nennlast um zehn Prozent und mindestens 75 kg überschritten wird. Bei 525 kg ist also Schluss. Sobald der fünfte Sumoringer die Kabine betritt, verweigert der Fahrstuhl seinen Dienst. Und dabei ist es ganz gleich, wie viele Personen, Wassereimer oder Hamster sich im Aufzug befinden.

Was diese Vorschriften und Normen freilich ignorieren ist, dass die Menschen seit Jahrzehnten immer dicker werden. In Amerika gelten drei Viertel der Bevölkerung als übergewichtig, in Asien nur ein Viertel. Wir Europäer quetschen uns irgendwo dazwischen. Tendenziell werden also immer weniger Menschen nötig sein, um einen Fahrstuhl außer Gefecht zu setzen. Deshalb ist es aber noch lange nicht nötig, das Verhältnis von Maximallast und maximaler Personenzahl noch einmal zu überdenken. Denn auf einer Grundfläche von nur 0,15 Quadratmeter mag sowieso niemand im Aufzug stehen. Im Zweifelsfall wartet man lieber auf den nächsten, der aber bezeichnenderweise in der Regel derselbe ist.

Manfred Diekmann ist bei Schindler
für den Fachbereich Standards & Regulations zuständig.
Bei Aufzügen und Fahtreppen nimmt er Vorschriften
und Normen sehr ernst. Ansonsten schreibt er
aber lieber darüber für den Blog, als selbst Vorschriften
zu machen.

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