Klang der Kabine: Christina Kubisch nimmt Paternoster auf

Fahrstuhlfahren am Fließband – das ist auch klanglich ein Erlebnis. Zumindest findet das die renommierte Berliner Künstlerin Christina Kubisch. Und nahm 20 verschiedene Paternoster auf. Daraus entstanden ist eine Klangcollage, in der man akustische Geschichte und Geschichten nachlauschen kann …

Senkrechtstarter: Frau Kubisch, wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, den Klang von Paternostern aufzunehmen?
Christina Kubisch: Im Jahr 2015 wurde ich eingeladen, eine Klanginstallation im historischen Behrensbau in Frankfurter Industriegebiet Höchst zu realisieren. Dafür habe ich die Klänge des Ortes aufgenommen und natürlich auch die der beiden Paternoster aus den 1920er-Jahren. Die Klänge des Fahrstuhls aber auch der zugehörigen Maschinenräume waren so faszinierend, dass ich beschloss, eine Komposition aus diesen Klängen zu machen. Ich hatte bereits mehrere Hörstücke für den Hessischen Rundfunk gemacht und die Redaktion war gleich sehr interessiert an diesem Thema.

Senkrechtstarter: In Ihrem Hörstück „Kettenreaktion“ stellen Sie mehr als 20 Paternoster vor. Nach welchen Kriterien haben Sie die ausgewählt?
Christina Kubisch: Ich war auf der Suche nach möglichst unterschiedlichen Paternostern und Orten, Ländern, Nutzungen und so weiter. Die Raumatmosphäre im Auswärtigen Amt in Berlin ist ganz anders als in der Hauptpost von Brünn oder dem Rathaus in Wien. Ich reise beruflich sehr viel und habe überall wo Paternoster waren versucht, auch Aufnahmen zu machen. Nicht überall habe ich eine Genehmigung erhalten, in den Maschinenraum zu kommen, aber ansonsten ist meine Anfrage immer auf positive Resonanz gestoßen. Die Leute lieben eben ihre Paternoster sehr und sind mir immer sehr entgegengekommen. 

Genau hingehört: Christina Kubisch bei den Aufnahmen für ihre Klangcollage. Foto: Privat

Senkrechtstarter: Wie unterscheiden sich die Personenumlaufaufzüge im Klang?
Christina Kubisch: Der Unterschied ist erst einmal altersbedingt. Paternoster aus den 1920er- und 1930er-Jahren haben Holzkabinen, sind insgesamt lauter und klingen unregelmäßiger und auch komplexer beim Fahren. Je mehr man sich oben oder unten dem Umlauf  nähert, desto intensiver ist auch das Geräusch der Ketten und Motoren zu hören. Moderne Fahrstühle sind eher aus Kunststoff, Metall etc. und fahren insgesamt leiser. Aber alle Machinenräume klingen unglaublich vielfältig und komplex. Dazu kommt die jeweilige Atmosphäre des Ortes. Es machte auch einen Unterschied,  ob ich vor den fahrenden Paternosterkabinen stand oder selbst herumfuhr. Man hört Gespräche, die nahe sind und sich wieder entfernen, Geräusche in den Gängen, das Ein- und Aussteigen – und je nach Land unterschiedliche Sprachen. 

Literarische Vorbilder und neue Paternoster Modelle

Senkrechtstarter: Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Aufnahmen und das Hörstück bekommen?
Christina Kubisch: Ganz unterschiedlich. Manche Menschen, besonders Jüngere, wussten vorher nicht einmal was ein Paternoster ist. Und jetzt wollen sie auch Paternoster fahren.  

Senkrechtstarter: Eine prominente Rolle spielt der Paternoster auch in Heinrich Bölls „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“. Der Protagonist braucht den Nervenkitzel, wenn die Kabine die Schleuse passiert und die Richtung wechselt. Was reizt Sie an der permanenten Fahrt dieser Aufzugsform?
Christina Kubisch: Natürlich habe ich Dr. Murkes Fahrten literarisch verfolgt und es gibt noch mehr Literatur zum Paternosterfahren. Für mich war das akustische Erlebnis ausschlaggebend, aber auch die Zeitlosigkeit, die man spürt, wenn man länger im Paternoster fährt. Man kommt leicht ins „Philosophieren“ dabei.   

Senkrechtstarter: Sie haben Ihre Aufnahmen zwischen 2015 und 2017 gemacht. Nicht alle der Paternoster sind heute noch in Betrieb. Ist das für Sie ein Ansporn, noch mehr Klangbeispiele zu archivieren?
Christina Kubisch: Es gibt inzwischen auch ganz neue Paternoster,  die allerdings „Umlaufaufzüge“ heißen. Einer davon ist in Berlin Adlershof und ich möchte ihn bald aufnehmen. Meine Klangsuche ist nicht beendet, ich möchte weiteres Material sammeln, weiterhn Paternoster aufnehmen und nach dem Radiostück auch eine freie Komposition mt den Klängen machen. Besonders die rhythmischen Abläufe sind für mich spannend. Je länger man fährt, umso mehr hört man. Manche Paternoster wie im Schöneberger Rathaus Berlin stehen schon lange still – aber ich hoffe, nicht für immer. 

Tonbeispiel aus dem Auswärtigen Amt in Berlin:

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