Goethes Vision – Edition Jakarta

Klimawandel, Bevölkerungswachstum und Bullen-Jahre stellen Indonesien vor gewaltige Herausforderungen. Vor allem bei der Frage, wie man allen Einwohnern ein Dach über dem Kopf bieten kann. Schließlich wohnt man auf Inseln, deren Raum natürlich begrenzt ist. Ein niederländisches Büro will jetzt Abhilfe schaffen. Durch großangelegte Landgewinnung vor Jakarta.

Indonesien ist ein bevölkerungsreiches Land – es zählt rund 255 Millionen Einwohner. Kaum Wunder, dass die ehemalige niederländische Kolonie Platzprobleme hat. Da der Staat sich auf mehrere Eilande verteilt, mehr als die Hälfte der Bevölkerung jedoch auf der Hauptinsel Java lebt, wird das Bevölkerungswachstum zunehmend zum Problem. Neuer Wohnraum muss her. Zumal die vorhandenen Siedlungsflächen zunehmend von Überschwemmungen bedroht werden. Der Klimawandel macht sich hier bereits bemerkbar. Was tun?

Ein Zusammenschluss der Borneo Initiative und des niederländischen Architekturbüros SHAU sucht seit 2003 nach Lösungen. Bereits damals wurde absehbar, dass das Land bis 2030 zu den fünf größten Wirtschaftsnationen  der Welt zählen wird. Allein das Bevölkerungswachstum ist imposant: von knapp 70 auf heute rund 260 Millionen Menschen. Und das in nicht ganz siebzig Jahren. Indonesien, und vor allem die Hauptstadt Jakarta mit ihren knapp zehn Millionen Einwohnern, platzt aus allen Nähten.

Neues Land: Rund 58 Quadratkilometer Landmasse könnten vor der Küste Jakartas gewonnen werden. Illustrationen: SHAU (5x).

Jakarta gewinnt in Berlin

Und was kommt wohl dabei raus, wenn Niederländer das Problem Baugrund-Mangel angehen? Richtig. Landgewinnung. Frei nach Goethes Vision vom erfüllten Leben wollen sie ein Zeichen für Äonen setzen. Das Konzept stellte SHAU beim World Architecture Festival in Berlin vor – und zählten zu den Trägern des, anlässlich der zehnten Auflage der Leistungsschau ausgelobten WAFX- Preises. Und zwar in der Kategorie Smart City. Der Spezialpreis wurde für Projekte ausgelobt, die sich den Schlüsselaufgaben der Architektur in den kommenden zehn Jahren gewidmet haben. Wir haben darüber bereits berichtet.

Anders als etwa in Dubai, soll die exklusive Landmasse vor der Küste jedoch kein Ressort für Superreiche sein. Im Gegenteil. Die Initiatoren des Vorschlags wünschen sich einen Grundriss, der sowohl soziale als auch ökologische Ziele verfolgt. Keine Leichte Aufgabe. Steht doch lediglich eine Fläche von etwa zwei Dritteln der Größe Sylts zur Verfügung (58 Quadratkilometer), auf der 1,9 Millionen Menschen Leben sollen. Zum Vergleich: Zwischen Deutschlands Luxus-Dünen verlieren sich gerade einmal rund 18 000 Einwohner.

Kurze Wege, wenige Autoverkehr, bedarfsgerechte Wohntypologien: Green Manhattan in der Vision von SHAU und Borneo Initiative.

Alle Zeichen auf Grün

In einem Punkt sind die Stadtplaner jedoch  schon wesentlich weiter, als die Sylter. Autoverkehr soll es nämlich nur in sehr geringem Umfang geben. Das erklärt das „green“ in dem Arbeitstitel Green Manhattan. Der zweite Namensteil erklärt sich aus dem Grundriss: die 60 mal 160-240 Meter großen Blocks des New Yorker Stadtteills finden sich nämlich auch in den Plänen für das Projekt wieder. Das soll kompakte und doch vielfältige Nachbarschaften ermöglichen. Und ein bisschen geht es dabei natürlich auch um den Höhenvergleich. Will man so viele Menschen auf einer so geringen Fläche unterbringen, geht es natürlich nicht ohne Geschosswohnungsbau.

Anleihen habe man zudem bei den Grundrissen von Barcelona, Savannah, Ipanema, Shanghai, Shenzhen, Amsterdam, Venedig, Kopenhagen, Wien und Los Angeles genommen. Ein Hinweis darauf, dass man die toten Standardblocks reiner Reisbrettstädte vermeiden möchte. Der Anspruch ist, für unterschiedliche Nutzergruppen ein passendes Angebot zu schaffen. So sollen etwa die lokalen Fischer in Quartieren unterkommen, die unweit eines Liegeplatzes sind und zudem Platz zur Verarbeitung des Fangs bieten. Jakarta, so der Tenor, soll seine Identität als Metropole am Meer voll ausspielen können. 20 Prozent der Flächen sind speziell für geringe und mittlere Einkommen vorgesehen.

Eine autarke Stadt mitten im Meer

Ein Herz für Fischer: Häuser mit Liegeplatz für kleine und mittlere Einkommensklassen.

Besonders beeindruckend ist jedoch das ökologische Konzept. So soll die Landschaft geprägt sein von tropischen Parkanlagen, Stränden, Seen und Kanälen. Die Hälfte des ohnehin beschränkten Raums soll Grün- und Wasserflächen vorbehalten sein. Die Stadt insgesamt CO2-neutral. Rund 50 Prozent der benötigten Nahrungsmittel sollen vor Ort angebaut werden, 80 Prozent des Frischwassers von der Insel stammen. Auch die Energie wäre ein Eigenprodukt, ein Drittel stünde sogar für den Export zur Verfügung. 90 Prozent des Verkehrs soll ohne Autos abgewickelt werden, dafür kommen automatisierte, öffentliche Verkehrsmittel zum Einsatz. Allerdings teilen sich je zehn Einwohner ein solarbetriebenes Auto, jeder soll ein Rad besitzen. Und mit Boot oder Schiff machen sich immerhin 20 Prozent auf den Arbeitsweg. Wie die Planer allerdings 150 Prozent des anfallenden Mülls recyclen wollen, bleibt ein Mysterium der Studie.

Zudem, so die weitgehende Vision der Projektbeteiligten, sollen die Erlöse aus dem Projekt die Einrichtung eines Pensionsfonds ermöglichen. Wenn es tatsächlich einmal soweit kommt, und die vorgelagerte Insel zudem noch Jakarta vor Überflutung schützt, dann ist es wirklich so weit, dass die Indonesier zum Augenblicke sagen dürften: „Verweile doch, du bist so schön!“

Die Identität der Metropole am Meer stärken: Strände und Vegetation bilden den schmeichelhaften Rahmen für das städtebauliche Konzept.

 

 

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