Von Antennen und Scheinriesen

Wer entscheidet eigentlich, welches Gebäude das höchste ist und welches nur ein Scheinriese? Seit 1969 gilt das Council on Tall Buildings and Urban Habitats (CTBUH) als letzte Instanz für alle Fragen rund um hohe und sehr hohe Gebäude. Im Gespräch mit Senkrechtstarter erklärt der Hochhausexperte und CTBUH-Redakteur Dan Safarik die Faszination von Höhenrekorden und wie sie ermittelt werden.

Herr Safarik, wie schafft es das CTBUH eigentlich, bei den vielen Neubauten weltweit den Überblick zu behalten?

Dan Safarik: Eine große Zahl von freiwilligen Helfern liefert uns Informationen über unser Internetportal zu. Das sind richtige Superfans! Wir beschäftigen beim CTBUH aber auch eigens Redakteure, welche die uns zugelieferten Informationen auf Stichhaltigkeit prüfen und selbst recherchieren. Am einfachsten ist es jedoch, wenn uns unsere Mitglieder selbst ihre Entwurfszeichnungen zur Verfügung stellen. So lässt sich die Höhe eines Gebäudes am leichtesten ermitteln und bestätigen. Mit Fachmagazinen und im Internet machen wir uns zudem selbst ein Bild von den aktuellen Entwicklungen – und fragen gegebenenfalls Planskizzen von den Eigentümern, Entwicklern oder Architekten an.

In welchen Kategorien beurteilt das CTBUH Gebäude nach ihrer Höhe?

Dan Safarik ist Hochhausexperte beim CTBUH.

Dan Safarik: Wenn es um das Ranking geht, dann interessieren wir uns im Kern für zwei Gebäudekategorien. „Supertall“ bezieht sich auf solche, die mindestens 300 Meter oder höher sind.“Megatall“ sind solche, die nicht kleiner als 600 Meter sind. Wir haben jedoch sämtliche Gebäude jenseits der 200-Meter- Marke mit Datensätzen erfasst. Was kleiner ist, nur in Ausnahmen. Zwar ist jedes Haus, das höher ist, als es breit ist und mehrere Stockwerke hat, hoch. Uns kommt es jedoch auf den Kontext an. 20 Reihenhäuser mit fünf oder sechs Stockwerken in einem Komplex werden kaum unsere Aufmerksamkeit erregen. Ein einzelnes Gebäude mit 15 Stockwerken in einem eher flachen Vorort dagegen vielleicht schon. Es geht uns ja auch nicht immer nur um die Höhe, sondern auch um die Schönheit und Nützlichkeit der Architektur. Als Faustregel gilt: Gebäude mit weniger als 20 Stockwerken finden sich nur wenige in unserem Skyscraper Center. Es sei denn, sie sind von besonderer historischer oder architektonischer Bedeutung.

50 Prozent müssen von Menschen genutzt werden

Welche konstruktiven Anforderungen muss ein Gebäude erfüllen, um den Titel „höchstes Gebäude“ in seiner Kategorie für sich in Anspruch nehmen zu können?

Dan Safarik: Wir haben zahlreiche Kriterien, man kann sie im Einzelnen auf unserer Internetseite nachlesen. Bei den Rankings kommt es jedoch vor allem auf die „architektonische Höhe“ an. Um als höchstes Gebäude einer Verwaltungseinheit gelten zu können (also Stadt, Land, Kontinent oder der Welt), muss ein Gebäude die größte architektonische Höhe aufweisen. Die wird vom niedrigsten, öffentlich erreichbaren Eingang bis zum höchsten, strukturellen Element gemessen. Das kann eine Turmspitze oder eine Brüstung sein. Nicht aber eine technische Einrichtung wie eine Antenne oder ein Fahnenmast, welche leicht ausgetauscht werden können. Außerdem unterscheiden wir zwischen Gebäude und Turm. Bei einem Gebäude müssen mindestens 50 Prozent der Struktur permanent von Menschen belegt werden.

Gab es Fälle, die schwer zu entscheiden waren?

Die Petronas Towers in Kuala Lumpur lösten den Willis-Tower 1998 als höchstes Gebäude der Welt ab. Foto: Someformofhuman

Dan Safarik: Immer wieder. Oft ist es ja auch eine Auslegungssache. Die beiden schwierigsten Entscheidungen betrafen den Willis, ehemals Sears Tower in Chicago. Als 1998 die Petrona Towers in Kuala Lumpur/ Malaysia eröffnet wurden, lösten sie den Sears-Tower als höchstes Gebäude der Welt ab. Denn ihre Turmspitzen sind mit 451,2 Metern höher, als die Brüstungen des Sears Towers, die sich lediglich in einer Höhe von 442,1 Meter befinden. Zwar sind die Antennen des Sears Towers noch 85 Meter höher. Da sie jedoch nur technisches Equipment sind, zählen sie nicht zur architektonischen Gesamthöhe des Gebäudes. Darüber haben sich viele Menschen sehr stark aufgeregt. Denn Besucher können im Sears Tower in 412,70 Meter Höhe stehen, also wesentlicher höher als auf der Aussichtsplattform der Petronas in 375 Meter Höhe. Doch das ist für das internationale Ranking leider irrelevant.

Kein Scheinriese: Symbolische Höhe zählt

Spitzenhäubchen: Ob die Antenne des One World Trade Centers zur Architektur gehört, oder nicht, darum gab es eine heftige Debatte. Foto: Joe Mabel.

Dan Safarik: Das zweite Mal ging es um den Titel „höchstes Gebäude der USA und Nordamerikas“, den das „One World Trade Center“ für sich in Anspruch nehmen wollte. Es hat eine architektonische Höhe von 541,3 Metern. Allerdings wurde die Spitze zum Problem. Während der Planungsphase war sie von einem soliden Bauteil zu einer schlanken Struktur geschrumpft. Sie bot lediglich den technischen Kommunikationseinrichtungen halt. Selbst der Architekt sagte daraufhin zur Presse, es sei jetzt „nur noch eine Antenne.“ In einem Sondertreffen des Höhenkomitees mit dem Architekten kamen wir jedoch zu der Überzeugung, dass die wichtige symbolische Bedeutung der Höhe fest mit dem Gebäude verbunden ist. Unabhängig davon, wie die Struktur aussieht. (Anm. d. Red.: Nach amerikanischem Maß ist das Gebäude 1776 Fuß hoch und spielt so auf das Jahr der amerikanischen Unabhägigkeitserklärung an). Der Sears-Tower hatte also erneut das Nachsehen. Das hat damals für einiges Aufsehen in den Medien gesorgt.

Grünen Riesen gehört die Zukunft

Auf welche Meilensteine dürfen wir uns künftig noch freuen?

Dan Safarik: Den nächsten Meilenstein von Bedeutung wird der Jeddah Tower in 2020 setzen. Er wird als erstes Gebäude die 1000 Meter knacken.

Was macht für Sie eigentlich den Reiz eines Hochhauses aus?

Dan Safarik: Zum Teil ist es sicher Faszination um das Wissen, das es Menschen ermöglicht, diese Höhen überhaupt zu erobern. Diese Faszination gibt es bereits seit der Zeit der Pyramiden, möglicherweise schon früher. Aus ästhetischer Sicht fasziniert, wie sie die Dynamik des Wandels verkörpern. Ihr Schönheit liegt in dem Spektakel, dass sie beim Aufstieg in den Himmel entzünden. Den technischen Innovationen, die dabei entstehen. Allerdings sind längst nicht alle Hochhäuser schön, viele sind geradezu banal.

Grünes Vorzeigeprojekt für Singapur: „The Interlace“, von OMA und Ole Scheeren. Foto: Jérémy Binard – Stack

Welche aktuellen Hochbauten auch durch Nachhaltigkeit aus? Können sie uns ein paar gute Beispiele nennen?

Dan Safarik: Da gibt es zahlreiche. Schauen Sie sich am besten einmal beim CTBUH Awards um. Da gibt es Gebäude, bei denen Pflanzenbewuchs ein elementarer Bestandteil der Fassade ist, die ihr Brauchwasser selbst recyceln. Häuser, deren Solarelemente sich nach dem Stand der Sonne ausrichten oder sich den Wetterbedingungen anpassen. Generell erfüllen unsere Preisträger ein oder mehrere Kriterien in puncto Nachhaltigkeit. Insbesondere jene der Kategorie  „Performance„. Spontan fallen mir Gebäude ein wie One Central Park, der Bosco Verticale, Taipei 101 oder The Interlace. Für weitere Beispiele müssen Sie sich noch ein wenig gedulden. Am 30. November läuft die Einreichfrist für den Tall Buildings Award 2017 ab. Wie in jedem Jahr, können wir auf das Ergebnis sehr gespannt sein.

Wir werden mit Sicherheit darüber berichten!

Interview: Jan Ahrenberg

Aufmacher: Jeddah Tower via YouTube.

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