Straßen haben wir genug – ein Gespräch mit
Kees Christiaanse

Zwischen Entfaltungsräumen und Platzangst sind urbane Ballungsräume eine Grundbedingung der modernen Welt. In den Städten ballen sich die Produktivität und das Leben. Auch deshalb sollten Städte lebenswert sein. Warum es dafür neue Hochhäuser, aber nicht unbedingt neue Straßen braucht, erklärt der Städteplaner Kees Christiaanse im Interview

Herr Professor Christiaanse, seit Jahrzehnten gilt mindestens in den westlichen Industrienationen: Wir nehmen immer mehr Wohnraum ein. Jetzt nimmt der Wohnflächenverbrauch erstmals wieder ab. Wohnen wir zukünftig nicht mehr auf großem Fuß?
In den Innenstadtbezirken gibt es tatsächlich diese Tendenz, dass die Wohnungen kleiner werden – weil man das ansonsten schlicht nicht mehr bezahlen kann. Ich war neulich in Hongkong. Da wurde eine 70-Quadratmeter-Wohnung, schlechter Zustand, schlechte Raumaufteilung, für 1,85 Millionen Euro angeboten. Das ist einfach crazy. Aber wenn man einen normalen europäischen Wohnungsbau nimmt, dann ist die Wohnungsgröße immer noch großzügig.

Überhaupt: Ist Raum ein Luxus?
Durchaus. Insbesondere für mitteljunge Leute zwischen 25 bis 45, die gut ausgebildet sind. Die wollen wieder in die Zentren, und das ist einer der Faktoren der Renaissance der Städte. Das hat viel mit der oft beschworenen Netzwerkökonomie zu tun, die nach urbanen Räumen verlangt. Aber insbesondere größere Räume, in denen man leben und arbeiten kann, sind knapp. Ich kenne keine Mitarbeiter oder Studenten hier in Zürich, die sich nicht über die Größe der Räume, in denen sie leben, beklagen.

Wie müssen Architekten und Planer auf diese neue Knappheit reagieren?
Das ist weniger eine Aufgabe der Planer und Architekten als vielmehr der Stadtpolitik. Städte können Grundstücke innerhalb der Stadtgrenzen beispielsweise an Wohnungsbaugenossenschaften übergeben, um bezahlbaren Wohnungsbau zu finanzieren. Vielerorts gibt es leer stehende Bürogebäude – gescheiterte Spekulationsobjekte –, die jetzt zunehmend in Wohnungen umgebaut werden. Das ist vor allem Aufgabe der Gemeinden und funktioniert in den Ländern der EU viel besser als in angelsächsischen Ländern, wo der Markt weniger reguliert ist.

Das Bedürfnis nach Privatsphäre

Obwohl sich unsere Lebensweisen durch technische und gesellschaftliche Veränderungen wandeln, wohnen wir wie gestern. Ist Wohnen konservativ?
Das Wohnen ist nicht konservativ. Es ist vielmehr vom Bedürfnis nach Privatsphäre geprägt. Man möchte in einem Gebäude einen abgeschlossenen Wohnraum und in diesem Wohnraum ein abgeschlossenes Zimmer haben. Das ist ein natürliches Grundbedürfnis. Drumherum gibt es eine Menge von Lifestyle-Varianten.

In einem Interview haben Sie von einem Nachbarn in Ihrem Ferienhaus in Graubünden erzählt, der aus diesem Bergidyll heraus dank Highspeed-Internet als Investment-Banker arbeitet. Wir erleben diese vermeintliche Ortlosigkeit des spätmodernen Kapitalismus eher als großes Gerücht.
Zugegeben, er ist eine Ausnahme. Es gibt nämlich ein Phänomen, das ich die Atomisierung der Haushalte nenne: Es werden immer mehr Services wie Einkaufsmöglichkeiten, Kinderbetreuung, Wäschereien etc. gebraucht, da viele Haushalte doppelt full-time arbeiten und normale Haushaltsaufgaben outgesourct werden müssen. Folglich ist wieder eine urbane Konzeption von Nähe gefragt. Außerdem: Eine qualitativ hochwertige Beziehung zwischen Menschen funktioniert nicht ohne persönlichen, physischen Kontakt. Zumal ein Leben, das wir nur per Bildschirm, Postkasten und Bankkonto führen, auch nicht gut für eine Gesellschaft sein kann.

Also gibt es keine Alternative zur immer voller werdenden Stadt?
Sie dürfen nicht größere Agglomerationen wie das Ruhrgebiet in Deutschland, La Chaux-de-Fonds in der Schweiz oder die Po-Ebene in Italien außer Acht lassen. Das sind große Netzwerklandschaften, die ähnliche Konditionen wie Kernstädte bieten – solange es ausreichend Mobilitätsangebote gibt. Wir nennen das auch produktive Landschaften. Es gibt also zwei Stadtmodelle der Zukunft: die kompakte Stadt mit ihren Kernen und die erweiterte Stadtlandschaft. Die kompakte Stadt ist das kleinere Problem. Sie ist durch ihre Attraktivität und Flächenkonzentration aus sich selbst heraus sehr effizient und daher auch relativ nachhaltig. Die große Herausforderung sind diese urbanen Landschaften. Wenn Mobilität, Entsorgung, Verteilung hier nicht richtig organisiert sind, sind das katastrophale Gegenden.

Die Deutschen müssen lernen, weniger Auto zu fahren

Welche Rolle spielt das Thema Mobilität in der Stadtplanung?
Die Qualität der öffentlichen Räume und die Mobilität sind die größten Probleme in der Stadtplanung. In Zürich zum Beispiel hat man ein so gutes S-Bahn-Netz, dass man in den ländlichen Dörfern der Umgebung leben kann und trotzdem in einer halben Stunde in der Kernstadt ist. Oder nehmen Sie Amsterdam und Rotterdam oder Den Haag. Dort sind die Vororte so gut erschlossen, wie es Berlin nur innerhalb des S-Bahn-Rings ist. Man fährt heutzutage mit dem Schnellzug von Amsterdam nach Rotterdam in 30 Minuten. Deswegen pendeln viele Leute. Mobilität ist einer der wichtigsten Aspekte der Raumplanung und des Städtebaus.

Müssen wir auch mehr Straßen bauen?
Nein, nein, Straßen haben wir genug. Insbesondere die Deutschen müssen lernen, weniger Auto zu fahren.

Die schöne Aussicht der Hochhäuser

Red Apple: In Rotterdam schuf Kees Christiaanse 2008 einen ikonischen, schlanken 40-Etagen-Turm. Das Tragwerk aus eloxiertem Aluminium läßt den Turm rot schimmern. Der Name des Turms spielt auf den Big Apple Manhattans an.

Werden die Städte zukünftig höher? Sollten wir – zumal in Deutschland – das Hochhaus lieben lernen?
Hochhäuser werden zunehmend populär – als adäquate mittelgroße Seniorenapartments. Daneben natürlich auch für die Yuppie-Generation. Das sieht man in Europa derzeit überall, in Zürich-West, in der Hamburger HafenCity, im Wijnhaven-Quartier in Rotterdam, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Diese Gebäudeform gewinnt an Attraktivität, weil man genau dort wohnen kann, wo die kulturellen Angebote und Infrastruktur sind. Hinzu kommt die schöne Aussicht. In London gibt es wahnsinnig viel Hochhausbau zurzeit, in Paris auch.

Droht da nicht wieder die Anonymität der Trabantenstädte?
Die Gropiusstadt in Berlin ist so ein typisches Beispiel für eine monofunktionale Großraumsiedlung. Das führt automatisch zur Anonymität und hat überall Systemfehler. So ist zum Beispiel die Anzahl von Wohnungen an einem Erschließungskern gigantisch. Dadurch verschwindet der Bezug zum Gebäude und zu den kollektiven Räumen, die Folgen sind Verwahrlosung und Vandalismus. Das wissen wir schon seit einigen Jahrzehnten – bereits in den 1980er- Jahren wurden in Holland Wohnungsbauprojekte mit maximal 25 bis 30 Wohnungen pro Erschließung geplant. Das ist gut. Dann kennen die Leute einander. Zudem stehen die erfolgreichen Hochhausprojekte der Gegenwart zumeist in gewachsenen Quartieren. Sogar die Hochhäuser in der HafenCity sind in eine gewachsene Struktur, z. B. durch die Speicherstadt, eingebunden und dadurch identitätsstiftend.

Die Stadtgesellschaft als Gemeinschaft denken

Jeder zweite Haushalt ist in deutschen Großstädten bereits ein Einpersonenhaushalt. Muss es ein Ziel sein, diese Vereinsamung des Wohnens aufzulösen?
In Berlin oder Hamburg in der HafenCity gibt es bereits Gebäude, die von Kollektiven beauftragt sind. Dort finden sich neben den Wohnungen auch Gästeapartments, Studios, Gemeinschafts- und Arbeitsräume, die von allen Bewohnern und Familien in dem Haus genutzt werden können. Das ist eine interessante Entwicklung. Man hat nicht mehr extra Gästezimmer, sondern Zimmer, die man wie beim Carsharing mit anderen teilt. Bis dato fängt man ja in einer kleinen Wohnung an und dann zieht man nach und nach in immer größere Wohnungen und Häuser. Ich sehe das ja bei mir selbst. Obwohl die Kinder aus dem Haus sind, wollen meine Frau und ich nicht umziehen. Das hat natürlich auch viel damit zu tun, dass man im Laufe der Zeit ein Heimatgefühl und eine örtliche Verankerung entwickelt. Da schaut man dann nicht mehr so stark auf die Nutzung der einzelnen Räume.

Wie wichtig sind Gemeinschaftsflächen in der Stadt?
Sehr wichtig. Die ganze Beziehung zwischen Straße, Eingangsbereich, Erschließungshalle, Treppenhaus, Garten – das ist ein großer Community-Katalysator. Ich glaube schon, dass sich eine Verschiebung beobachten lässt weg vom individuellen Wohnen hin zu Gruppen, die ein Haus bauen oder mieten, um dort gemeinsam zu wohnen und Flächen zu teilen. Das ist zwar ein zahlenmäßig sicher recht bescheidener Trend, aber es ist ein Ausblick in eine Zukunft, die die Stadtgesellschaft wieder als Gemeinschaft denkt.

Interview: Jan Steeger. Zuerst erschienen im Schindler Magazin „Wohnen. Wie wir zu Hause sind“ 2016. Titelbild: Gerry Nitsch

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