Völlig von Simmen: „Wolkenkratzer-Dorf“ Bad Gastein und Sabbat-Paternoster

Dr. Jeannot Simmen gewährt einen Blick in sein Archiv. Darin: Fotos von Aufzügen, historischen wie auch modernen. Diesmal besucht der Kulturwissenschaftler und Fahrstuhl-Experte für Senkrechtstarter ein Alpendorf mit hippen Vertikalisten und entdeckt dort einen Sabbat-Aufzug. 

Alles vertikal: Der südösterreichische Kurort ist besonders. Überall rauschen die Bäche, die mächtig als Wasserfall sich ergiessen. Unten liegen die heissen Quellen, eine wunderbare Vermischung beim „Kraftwerk”, das einst die Wasserkraft nutzte. Heute liegt an dem mächtigen Wasserfall ein Lutter-und-Wegner-Restaurant, wasserumtost und oft umwabert von radonhaltigem Wasser-Nebel.

„Wolkenkratzer-Dorf“: Die größten Hotelbauten sind vielstöckig an den Berghang gebaut. Der Hotel-Eingang liegt oft im 3. Geschoss, darunter Etagen mit Gästezimmern, Thermalbädern, Fitness-Studios. Man nimmt bergseitig den Eingang und fährt runter zur Rezeption. Verlässt das Haus vorne und ebenerdig, mehrere Geschosse tiefer am Berghang. .

Das „Wolkenkratzer“-Dorf Bad Gastein, einstmals das Monte Carlo der Alpen, wo früher Kaiser Wilhelm I. mehrmals zur Kur fuhr. Heute ein Alpendorf mit hippen Vertikalisten. © Usien auf wikimedia

Paternoster-Aufzug: Entdeckte ein Unikum für die Aufzugs-Geschichte in einem Hotel, das im Sommer speziell für Reisende aus Israel eingerichtet ist. Köche bereiten dort koscheres Essen und der Aufzug, gehorcht den Sabbat-Geboten. Am Ruhetag verrichten orthodoxe Juden keine Tätigkeit, selbst die Bedienung eines Aufzugs mit den Tasten geht nicht. Damit das Sabbat-Gebot erfüllt ist: die Umwelt nicht zu beeinflussen, keine Aktionen an diesem Tag auszulösen.

Mit diesem Schlüsselschalter lässt sich an den Aufzügen die Sabbat--Steuerung aktivieren. Bild: Flickr.com/Stan Wiechers

Mit diesem Schlüsselschalter lässt sich an den Aufzügen die Sabbat–Steuerung aktivieren. Bild: Flickr.com/Stan Wiechers

Deshalb fährt der Aufzug automatisch wie ein Paternoster, hält programmiert an jedem Stockwerk, die Türen öffnen sich, schliessen sich. Danach fährt der Aufzug zur nächsten Station, vollautomatisch, dank zauberhafter Steuerungstechnik. – Der Unterschied zum Paternoster liegt darin, dass letzterer langsam aber kontinuierlich fährt, ohne anzuhalten; auch haben die aufgereihten, vielen Paternoster-Kabinen keine Türen, man springt in die vorbeiziehende Kabine und steigt beschwingt aus.

 

PS: In der nächsten Folge geht es um die 1. Vertikale in Bad Gastein, eine Initiative von Friedrich Liechtenstein für alle modernen Zeitgenossen mit dem Groove im aufrechten Gang.

SimmenDr. Jeannot Simmen ist Autor, Ausstellungs- und Büchermacher. Er lehrte Kunst und Design an Universitäten in Berlin, Kassel, Wuppertal und Essen und ist Gründer sowie Vorsitzender des Club Bel Etage in Berlin, einem Ort kulturellen Austauschs und kreativer Initiativen.
Von Simmen stammen unter anderem die Bücher Der Fahrstuhl. Die Geschichte der vertikalen Eroberung und Vertikal. Aufzug – Fahrtreppe – Paternoster. Eine Kulturgeschichte vom Vertikal-Transport.

Alle bisher von Dr. Jeannot Simmen auf Senkrechtstarter erschienenen Kolumnen sowie ein Interview mit dem Kulturwissenschaftler finden sich unter VÖLLIG VON SIMMEN.

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