NY Skyscrapers: Vom Hobby zum Hochhaus-Buch

Dirk Stichweh aus Bremen arbeitet als kaufmännischer Angestellter, doch die Leidenschaft für New Yorker Wolkenkratzer machte ihn auch zum Kunstbuchautor. Wir sprachen mit Stichweh über den Ursprung seiner Idee und die Schwierigkeiten, auf private Hochhäuser zu gelangen.

Wolkenkratzer des Finanzdistrikts © Jörg Machirus

Wolkenkratzer des Finanzdistrikts © Jörg Machirus

Herr Stichweh, in Ihrem Buch NY Skyscrapers – Über den Dächern von New York City nehmen Sie den Leser mit auf die Hochhäuser des Big Apple. Woher rührt Ihre Leidenschaft für das Thema?
Das ist ganz einfach zu sagen: Ich bin 1992 recht kurzfristig mit meinem besten Freund nach New York geflogen, über Silvester. Wir sind dann zu Fuß den Broadway von der 96. bis zur 23. Straße runtergelaufen – und da war’s um mich geschehen. Die Vielfältigkeit hat mich umgehauen. Erst mal natürlich die Höhe, die ich als Bremer gar nicht kannte, und dann das Nebeneinander völlig unterschiedlicher Stilrichtungen, von alter, moderner und postmoderner Architektur.

Hatten Sie vorher schon mit dem Thema Wolkenkratzer zu tun?
Nein, ich habe weder Architektur studiert noch irgendwas ähnliches. Das Wissen habe ich mir selbst angeeignet. Man kann sich ja Dinge anlesen, wenn man Lust dazu hat. Später habe ich auch mit ein paar Architekten gesprochen, etwa mit Thomas Klumpp aus Bremen. 2004 war ich sogar mal kurz bei Helmut Jahn in Chicago. Heute lese ich täglich die New Yorker Immobilien-News, damit ich immer weiß, was wann wo passiert. Ich arbeite als kaufmännischer Angestellter bei einem Energieversorger. Die New Yorker Wolkenkratzer sind ein Hobby, meine Leidenschaft.

Wie kam es zu dem Buch?
Nach meiner Rückkehr aus New York 1992 habe ich nach Literatur gesucht, mit dem Internet war es damals ja noch nicht weit her. Ich fand viel Allgemeines über Hochhäuser, speziell über Manhattan gab’s nur ein Buch von Eric P. Nash, sonst nichts. Ich bin dann jedes Jahr nach New York geflogen, habe vor Ort viele Informationen eingeholt und mich mit Leuten vernetzt, die dort leben. 2004 kam dann der Punkt, an dem ich mir sagte: „Du hast jetzt so viel Material zusammen, jetzt müsstest du mal ein Buch schreiben.“ Ohne zu wissen, wie schwierig es ist, ein Kunstbuch zu schreiben. Auf der Buchmesse hat man mir gesagt, dass von 1500 Vorschlägen nur einer zu einem Buch wird.

Wie haben Sie es geschafft, dass ausgerechnet Ihre Idee Erfolg hatte?
Mir war klar, dass die Bilder außergewöhnlich sein mussten, damit ein Verlag anbeißt. Und dann kam die Idee, auf die Hochhäuser raufzugehen – was nach dem 11. September eigentlich unmöglich war. Mit akribischer Arbeit und vielen Rückschlägen und Absagen habe ich das dann trotzdem geschafft. Mein Netzwerk läuft seit gut zehn Jahren, und es läuft auch immer weiter. In einem guten halben Jahr fliegen wir wieder hin, die Termine dafür habe ich schon ausgemacht.

Wolkenkratzer gibt es vielerorts. Was macht New York so besonders?
Dort wird zurzeit sehr, sehr viel gebaut, und auch spektakulär. Es entstehen Bauten, die nicht nur in ihrer Höhe, sondern auch in der ganzen Ausdrucksform außergewöhnlich sind: die Hudson Yards, der Tower Verre, der Steinway Tower. Für das Jahr 2020 könnte ich schon wieder ein neues Buch machen. Das hört nie auf.

»Man läuft Gefahr, als Terrorist beurteilt zu werden.«

Areal des <em>World Trade Center</em> © Jörg Machirus

Areal des World Trade Center © Jörg Machirus


Die Bilder in Ihrem Buch stammen von zwei Fotografen. Wie sind Sie auf die beiden gekommen?
Jörg Machirus ist ein Bremer, den habe ich hier kennengelernt. Ich brauchte einen Fotografen mit richtiger Profiausrüstung. Scott Murphy ist New Yorker, auf ihn bin ich im Internet gestoßen, weil er eine eigene Webseite mit Bildern von Hochhäusern betreibt. 2004 haben wir uns zum ersten Mal getroffen, mittlerweile ist eine richtige Freundschaft daraus geworden.

Wahrscheinlich war es nicht so einfach, auf die Dächer der Hochhäuser zu kommen…
Das stimmt, schließlich sind es private Gebäude. Unabhängig davon, dass man Gefahr läuft, als Terrorist beurteilt zu werden: Es kann eben auch mal eine Kamera aus 200 Metern runterfallen, und wenn die jemanden trifft, ist er tot. Warum sollte man da Leute hochlassen, die Fotos machen wollen? Vor allem: Mit welcher Befähigung? Die behaupten zwar, sie haben eine Buchidee, aber wer kann das überprüfen?

Wie haben Sie es trotzdem auf die Wolkenkratzer geschafft?
Ich habe die großen Immobilienfirmen angeschrieben, die in New York zehn bis fünfzehn Wolkenkratzer besitzen, wie Vornado oder Brookefield Properties. Man muss immer wieder nachhaken, seine Haftpflichtversicherung ordentlich nach oben schrauben und ganz viele Formulare unterschreiben. Die Erfahrung mit den Amerikanern war durchweg: Am Anfang ganz viel Papierkram und Bürokratie, aber wenn man erst mal vor Ort ist und sich persönlich vorgestellt hat, dann kommt man relativ locker auf die Häuser. Wenn ich einmal auf einem Gebäude war und den Property Manager kenne, kann ich das nächste Mal einfach anrufen und sagen, ich würde gerne noch mal hoch. Das geht dann recht unkompliziert.

»Das Chrysler Building war immer meine große Liebe.«

<em>Chrysler Building</em> © Jörg Machirus

Chrysler Building © Jörg Machirus


In Ihrem Buch stellen Sie über 60 Gebäude vor. Welches davon ist Ihr persönlicher Favorit?
Das Chrysler Building war immer meine große Liebe, und es wird immer meine Liebe bleiben. Wir waren da oben drin, das war für mich das Highlight. Aber wie das mit schönen Gebäuden halt so ist: Wenn man drin ist, guckt man nach draußen, die Schönheit selbst sieht man dann nicht. Trotzdem war es aufregend und spannend, mal im Cloud Club gewesen zu sein und oben im 77. Stockwerk die Verankerung der Spitze zu sehen. Diese extravagante Spitze war ursprünglich gar nicht eingeplant und ist nur aus einer Rivalität heraus entstanden.

Wolkenkratzer entlang der 42nd Street © Jörg Machirus

Wolkenkratzer entlang der 42nd Street © Jörg Machirus

Wie das?
Eigentlich sollte das Chrysler Building wie eine Kühlerhaube aussehen, nach dem letzten Bogen sollte Schluss sein. Doch zur selben Zeit war das Bank of Manhattan Company Building im Bau, und die Architekten der beiden Gebäude hatten sich zerstritten. Als der eine erfuhr, dass der andere Wolkenkratzer einen halben Meter höher werden sollte, hat William Van Alen beim Chrysler Building die Spitze verdeckt anfertigen lassen. Als der andere Turm an der Wall Street fertig war, haben sie die Spitze dann rausfahren lassen, die das Gebäude auf 319 Meter gebracht hat.

Welches Erlebnis während Ihrer Recherche war noch besonders für Sie?
Wir waren in Donald Trumps Penthouse-Suite im Trump World Tower. Ich hatte gar keinen Bezug zu, kam aber über einen anderen Gebäude-Manager drauf. So durften wir dann in die beiden 50-Millionen-Apartments rein. Im Trump World Tower wohlgemerkt. Im Trump Tower hat Trump seine Privatwohnung über drei Etagen, da kommt kein Mensch rein – außer seiner Frau vielleicht. Auch die Suite im Trump World Tower gehört ihm. Da geht er vielleicht einmal im Monat rein, lebt aber nicht dort. Es war trotzdem toll.

 

In der kommenden Woche gibt’s den zweiten Teil des Interviews. Darin spricht Stichweh unter anderem über die Bedeutung von Aufzügen und den Trend zum superschlanken Wolkenkratzer.

Dirk Stichweh: NY Skyscrapers. Über den Dächern von New York City. Mit Fotos von Jörg Machirus und Scott Murphy. 192 Seiten, 180 farbige Abbildungen. Verlag: Prestel. Verkaufspreis: 29,95 €.

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