Neu im Kino: High-Rise – Eine Dystopie in 40 Etagen

Bevor der Aufzug die Welt auf den Kopf stellte, lebten die Oberen ganz unten. Denn wer es sich leisten konnte, verzichtete aufs Treppensteigen. Mit dem Aufzug kam das Hochhaus. Die gesellschaftliche Stufenordung manifestierte sich nun auch in der vertikalen Architektur des Gebäudes: Ganz oben wohnte, wer auch in der Gesellschaft ganz oben war.

Mit dieser Korrespondenz von vertikalem Wohnen und sozialer Stellung musste das Hochhaus zum Sinnbild der Gesellschaft und damit zur Metapher der Gesellschaftskritik werden. So auch in J.G. Ballards Roman High-Rise von 1975, der das titelgebende Hochhaus zum Versprechen einer besseren Gesellschaft machte, an dessen Ende aber Verwahrlosung und Enthemmung stehen. Zu dünn ist der Firnis der Zivilisation für dieses sozialarchitektonische Experiment.

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Geht es für den Arzt Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) nach oben oder unten? Oder ist der Aufzug bereits für alle abgefahren? Foto: DCM

Heute nun kommt die Verfilmung der dystopischen Vorlage in die Kinos. Regisseur Ben Wheatley, der seine Eigenständigkeit bereits mit Filmen wie Kill List (2011) und Sightseers (2012) bewies, tut gut daran, die Handlung in den 1970er zu belassen. In der Zeit, in der brutalistische Architektur noch mit sozialer Ingenieurskunst Hand in Hand in eine bessere Welt zu gehen schien. Heute wissen wir, dass dies ein Fehler war. Kein Architekt würde wohl mehr den Versuch unternehmen, 2000 Menschen in einem kargen Wohnbetonklotz mit integrierten Supermarkt, Schwimmbad und Squash-Courts zu stapeln, in der irrigen Annahme, auf diese Weise eine glückliche Gesellschaft zu entwerfen. Genau dies tut aber der weiß (sic!) gekleidete und im Penthouse des Hochhauses residierende Architekt Anthony Royal (Jeremy Irons) und wir dürfen ihm dabei zusehen, wie sich sein vermeintlicher Fortschritt Schritt für Schritt als Rückschritt in den Naturzustand zu erkennen gibt.

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Der Schöpfergott auf dem Weg nach unten. Der Architekt Anthony Royal hat sic h schmutzig gemacht. Foto: DCM

Das tun wir gemeinsam mit dem – kongenial von Tom Hiddleston gespielten – Arzt Robert Laing, der als Angehöriger der gehobenen Mittelschicht zu Beginn des Films in eines der höher gelegenen Appartements zieht. Auch wenn die kinderlose Upper Class ihn deutlich spüren lässt, dass oben für ihn die Luft zu dünn ist, steht und wohnt er doch deutlich über den in den unteren Etagen hausenden Familien, denen zuerst der Strom abgedreht wird, wenn er nicht für alle im Haus reicht. Und während sich der geniale Architekt in der technischen Ausführung des Gebäudes als schlechter Baumeister entpuppt, nehmen mit jedem defekten Aufzug, verstopftem Müllschlucker und Stromausfall die Klassekämpfe im Betonklotz zu. Wenn erst einmal der Müll zum Fenster herausgeworfen wird und der erste High-Society-Hund tot im Pool schwimmt, ist es nicht weit, bis im Treppenhaus und auf den Gängen gemordet, geplündert und vergewaltigt wird.

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Ob Venus im Pelz oder Pferd im Penthouse: Wheatley weidet sich an Bildern der Dekadenz. Foto: DCM

Wheatley zeigt das alles in stark stilisierten Bildern mit einem Minimum an narrativer Struktur. Wir schauen dabei zu, wie die dekadente Gesellschaft sich zerfleischt und werden nicht einmal gezwungen, Position zu beziehen. Keine der Personen taugt als Sympathieträger oder zwingt uns zum Mitleid. Das reduziert den Film auf ein perfekt und mitreißend inszeniertes, aber letztlich doch rein ästhetisches Vergnügen am dekadenten Zerfall und lässt uns mit der doch 2017 reichlich angestaubten Kritik Ballards an Fortschritt und Social engineering zurück. Dass der Film dennoch so gar nicht aus der Zeit gefallen scheint, liegt nicht nur daran, dass er mit seinem Flokati-Look nahezu perfekt in die Retro-Ästhetik der vergangenen Jahre passt, vielmehr ist es fast erschreckend, wie aktuell er gerade dieser Tage wirkt.

 Als ob nichts geschehen wäre: Robert Laing auf dem Weg zur Arbeit oder zur nächsten Party. Foto: DCM

Als ob nichts geschehen wäre: Robert Laing auf dem Weg zur Arbeit oder zur nächsten Party. Foto: DCM

In einem Europa, in dem sich die Nationalstaaten wieder einmauern (das Hochhaus wird von den Bewohnern auch nicht verlassen), die Rede vom kleinen Mann und Systemversagen wieder populär geworden ist, die Mittelschicht erodiert und angesichts von Schuldenkrise, Flüchtlingskrise, Demokratiekrise, Ukraine-Krise, Brexit-Krise u.s.w. es überhaupt absurd erscheint, wie alle trotz aller Krisenhaftigkeit weitermachen wie bisher, sehen wir bei High-Rise in den Spiegel. Auch wir leben in diesem Hochhaus und sehen dabei zu, wie wir uns selbst zugrunde richten – mit einer unausgesprochenen Lust am eigenen Niedergang. Zeit, mal wieder ins Kino zu gehen.

High Rise, GB 2016 – Regie: Ben Wheatley. Buch: Amy Jump, nach dem Roman von by J. G. Ballard. Kamera: Laurie Rose. Mit: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans. DCM, 119 Min.

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