Der literarische Aufzug: Paternoster von Hans Erich Nossack

Seit es Fahrstühle gibt, schreiben Autoren in ihren Erzählungen und Romanen über sie. Manche sind aus Glas, mitunter führen sie zum Mond. In einer Kurzgeschichte von Hans Erich Nossack avanciert der Paternoster gleich zur Metapher fürs ganze (Arbeits-)Leben. 

Paternoster

Irgendwann ist man eingestiegen in einen jener Fahrstühle, die man Paternoster nennt, um in irgendeiner Etage wieder auszusteigen. Das war die Absicht. Man muß wohl genau gewußt haben, warum, und wohin man wollte; es war wie selbstverständlich, aber man hat es längst vergessen. Man denkt nur: Wäre ich doch nie eingestiegen! Was hat mich bloß dazu verführt! Denn ganz wider Erwarten zeigt es sich, daß der Fahrstuhl viel zu schnell fährt, als daß man es noch wagen könnte, auszusteigen. Diese Feststellung kommt überraschend; beim Einsteigen war nichts davon zu merken. sonst wäre man gewiß nicht eingestiegen. Man kann ja auch die Treppe benutzen, man ist dort sicherer. – Vielleicht ist irgendein hemmender Zahn an einem Rad abgebrochen, oder der Hauswart oder ein Monteur hat die Maschinerie auf dies Tempo gebracht. Aber dann wäre es doch Pflicht der Handwerker gewesen, eine Warnungstafel daranzuhängen, beispielsweise „Achtung! Nicht einsteigen, wegen Reparatur“. Doch nun ist es zu spät, jemand verantwortlich zu machen. Man fährt mit viel zu großer Geschwindigkeit aufwärts; die Kabine, in der man steht, flitzt an den einzelnen Etagen vorbei. Wenn man hinausspränge, würde man vermutlich eingeklemmt werden. Deshalb fährt man lieber über den Dachboden; beim Abwärtsfahren ist das Hinausspringen leichter. Und so kreist man über den Dachboden, an dem großen Rad vorbei, das von Schmierfett trieft. Man sieht es alles sehr genau in der milchigen Beleuchtung des Oberlichts. Und wenn man über den Scheitelpunkt hinweg ist, dann nimmt man sich vor: So, jetzt! Aber schon bei der obersten Etageöffnung fühlt man sich nicht genügend vorbereitet. Wozu auch die Hast! Es kommen ja noch so viele Etagen. Man ist auf dem Sprung, der ganze Körper ist angespannt, und wenn die nächste Etage kommt, zuckt man bereits mit einem Fuß vor. Doch im letzten Moment reißt man sich zurück und wartet doch lieber eine noch tiefere Etage ab. Und so geht es immer weiter abwärts. Nur Ruhe! denkt man, ich werde erst noch einmal durch den Keller fahren. Auf dem Emailleschild steht ja, daß man ohne Gefahr durch den Keller fahren könne. Ja, ohne Gefahr. Gewiß, solange man drinnen bleibt, ist die Gefahr zunächst nicht groß. Und so fährt man getrost durch den Keller, wo völlige Dunkelheit herrscht, und die Maschinerie knackt wie gichtische Gelenke. Da heißt es nichts, wie sich still verhalten. Und dann geht es von neuem aufwärts, die alte Tour.
Jemand, der auf dem festen Fußboden der Etagen steht, der hat leicht fragen: Warum steigen Sie denn nicht aus? Von seinem Standpunkt aus kann er die Geschwindigkeit des Fahrstuhls gar nicht ermessen, und welch einen Entschluß es kostet, hinauszuspringen. Vielleicht hält er das Ganze auch für einen Scherz, weil man Grimassen schneidet. Was soll man ihm schon darauf antworten. Man wird zurückrufen: Gleich! Gleich! oder: Ich will erst in der nächsten Etage aussteigen. Das wäre nicht einmal gelogen; denn man möchte es ja wirklich, nichts lieber als das. Einigen, sagt man, gelingt es, indem sie die Besinnung verlieren. Wenn draußen an der Etageöffnung ein hübsches Mädchen steht, dann riskieren sie es und springen hinaus. Höchst komische Bewegungen machen sie dabei, bis sie das Gleichgewicht wieder gefunden haben; man kann sich schwer das Lachen verbeißen. Aber sie meinen wenigstens, wieder festen Boden unter sich zu haben. Das Kreisen des Fahrstuhls scheint überstanden. Nur ganz selten hört man es noch hinter seinem Rücken knirschen und knacken, doch dann hat man ja das Mädchen neben sich und kann sich daran festhalten. Ein kleiner Roman! Ein kleiner Erfolg! Ein kleiner Krieg! Eine kleine Religion! und das Mädchen wird auch mit hineingerissen in das Kreisen des Fahrstuhls und zermalmt.
Nein! Nein! Nein! Man möchte es schreien. Vielleicht wird einer, der es hört, die Treppen
hinunterrennen, zum Hauswart, damit er die Maschine abstellt.
Aber man schreit nicht. Wozu soll man die Leute, die auf den festen Etagen wohnen, beunruhigen! Man muß sehen, wie man es ohne Hilfeschrei zu Ende lebt.

Aus: „Um es kurz zu machen. Miniaturen“ von Hans Erich Nossack.
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1979. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.

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