Solar Impulse: die Piloten Piccard & Borschberg im Interview

Noch vor der Fortsetzung der solaren Weltreise hat Schindler die beiden Piloten Bertrand Piccard und André Borschberg zum Interview getroffen. Beide sprachen über die bisherigen Erfahrungen mit dem Solarflugzeug SI2, die Vorbereitungen zum zweiten Teil der Reise und die Kooperation mit Schindler.

Bertrand & André, ihr habt jetzt bereits 50% der Weltumrundung erfolgreich zurückgelegt. Wie fühlt Ihr euch, nachdem ihr eine derart große Distanz mit diesem einzigartigen Flugzeug überwunden habt?
André Borschberg: Das Wichtigste ist für uns, dass wir bereits die schwierigste Strecke zurücklegen konnten. Dabei sind wir 5 Tage und 5 Nächte über das Wasser geflogen und konnten zeigen, dass das Flugzeug dazu in der Lage ist – trotz des Problems mit den Batterien. Wir konnten außerdem zeigen, dass wir ein nachhaltiges Leben im Cockpit führen können, und konnten das Potenzial enthüllen, das in diesen Technologien steckt. Alle Hindernisse, die wir überwinden mussten, machten uns noch stärker. Wir haben jetzt die Energie, um weiterzumachen und wir haben den Ehrgeiz, die Weltumrundung im nächsten Jahr erfolgreich zu vollenden.
Bertrand Piccard: André hat aus Sicht eines Piloten bereits Außergewöhnliches erreicht. Vor allem aber leitete er auch das technische Team in der Konstruktionsphase dieses revolutionären Prototyps. Dieser Flug über das Meer nach Hawaii zeigt, dass – wenn es jetzt technische Lösungen gibt, ein Flugzeug Tag und Nacht ohne Treibstoff zu fliegen – es möglich ist, dass dieselben effizienten Technologien auch in unserem Alltag eingesetzt werden können und das Potenzial dafür vorhanden ist, Energieeinsparungen zur Verringerung der CO2-Emissionen zu erzielen.

Solar Impulse 2 beim Test in Abu Dhabi, März 2015

Solar Impulse 2 beim Test in Abu Dhabi, März 2015

Erinnert ihr euch noch an den Morgen des 9. März 2015? Was waren eure Gedanken in den Stunden und Sekunden vor dem Start?
Bertrand Piccard: Wir hatten ein Kribbeln im Bauch, als uns bewusst wurde, dass wir uns jetzt endlich auf den Weg machen würden, nachdem wir bereits derart lange an diesem Projekt gearbeitet hatten.

Mit welchen drei Wörtern würdet ihr das Projekt Solar Impulse beschreiben?
Bertrand Piccard: Pioniergeist, Erkundung, saubere Technologien.

Wer sind die Menschen, die all dies ermöglicht haben?
André Borschberg: Das gesamte Team hat das ermöglicht! Es kommt auf jedes Mitglied des Teams an: angefangen bei den Ingenieuren, die dieses unglaubliche Flugzeug entworfen und gebaut haben, und unseren Partnern, die uns seit dem Anfang unterstützen und ihr Know-how einbringen, bis hin zum Bodenpersonal, das sich auf der Erde ums Flugzeug kümmert, dem Team in der Kommandozentrale, das immer die richtige Route findet und den Piloten unterstützt, wenn er alleine am Himmel unterwegs ist, sowie last but not least das Kommunikationsteam, das damit beschäftigt ist, der Welt über unser Abenteuer zu berichten.

Euer Team ist eine internationale Mischung unterschiedlicher Nationalitäten. Worin bestehen hierbei die Vorteile und was sind die Herausforderungen?
André Borschberg: Diese Mischung führt zu mehr Kreativität und Ideen, um neue Probleme zu lösen, da wir ja etwas machen, das noch niemand davor versucht hat. Allerdings ist es notwendig, die kulturellen Unterschiede zu berücksichtigen und eine gemeinsame Sprache zu finden, damit sich alle untereinander verstehen.

Piloten und Pioniere: André Borschberg (links) und Bertrand Piccard

Piloten und Pioniere: André Borschberg (links) und Bertrand Piccard

Ihr beide habt entschieden, dass André die Weltreise beginnt und dass dann du, Bertrand, die letzte Etappe fliegst. Warum habt ihr euch für diese Einteilung entschieden?
Bertrand Piccard: André hat mit dem technischen Team seit zwölf Jahren zusammengearbeitet – ab der Machbarkeitsstudie bis heute – und ich bin überzeugt, dass es ganz natürlich ist, dass er die erste Etappe übernimmt.
André Borschberg: Bertrand steht das Verdienst zu, mit seiner Ankunft in Abu Dhabi die Vision zu vollenden, die er vor 15 Jahren ins Leben rief.

Fünf Tage ohne Unterbrechung in einem Flugzeug: Wie war das, über einen derart langen Zeitraum auf dem begrenzten Raum der Kabine zu „leben“?
André Borschberg: Es war noch besser, als wir erwartet hatten, wenn auch „besser“ nicht ganz das richtige Wort dafür ist. Es war umfassender, phantastischer und ganz besonders. Als ich in der letzten Nacht noch im Flieger saß, zählte ich die Stunden und Minuten, aber nicht weil ich müde war oder wirklich landen wollte. Nein, ich wollte jeden Augenblick auskosten, da ich wusste, es würde das letzte Mal sein, dass ich bei einem dieser besonderen Flüge über dem Pazifik im Cockpit sein würde. Und dieser besondere Flug bedeutete mir viel. Ich hatte mich seit 12 Jahren auf ihn eingestellt und gefreut, vielleicht schon seit ich ein Kind war, als ich von den Pionieren träumte, die die Geschichte der Luftfahrt neu schrieben. Daher war es wunderbar für mich, in einer derartigen Situation dabei zu sein, vermutlich auch das zu erleben, was manche von ihnen erlebt hatten.

»Wir sind Forscher und keine Wagehälse!«
Bertrand Piccard

 

Wie schafft ihr es, die Motivation des Teams nach herausfordernden Momenten wie der Umleitung nach Japan hochzuhalten?
Bertrand Piccard: Bei Solar Impulse wissen wir, dass Erforschung und Abenteuer nicht nur darin bestehen, die Flagge zu hissen, wenn man erfolgreich war, sondern auch darin, mit Zweifeln, Verspätungen und Problemen umzugehen. Wir sind uns auch dessen bewusst, dass wir im Team viel Ausdauer und Mut aufbauen müssen.

Ändert sich das Team im zweiten Teil der Reise?
Bertrand Piccard: Das Kernteam bleibt unverändert.

Manchmal werdet ihr als Abenteurer beschrieben. Ihr seid allerdings beide mehr Wissenschaftler als „Spieler“, nicht wahr?
Bertrand Piccard: Wir sind Forscher und keine Wagehälse! Das Ziel ist es, sicher auf der anderen Seite zu landen. Unser Team besteht aus Meteorologen und Ingenieuren, die Simulationstools einsetzen, um uns dabei zu unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und nicht – wie manche Pioniere vor 80 Jahren – im Meer zu versinken.

Mir wurde gesagt, Ihr habt versucht, Flugzeughersteller von eurer Idee zu überzeugen, aber dass man eure Kooperationsanfragen zurückgewiesen hat. Schließlich fandet ihr Unterstützung im Yachtsektor. Wie kam es dazu?
Bertrand Piccard: Sie wussten nicht, dass es unmöglich war, daher machten sie mit 😉 !

Trainingsflug der SI2 über Hawaii

Trainingsflug der SI2 über Hawaii

Habt ihr je daran gedacht, die Weltumrundung abzubrechen?
Bertrand Piccard: Würde man ein Fußballteam fragen, ob es zur Halbzeit aufgeben will?

Wie wichtig ist die Kommandozentrale (MCC) in Monaco? Was sind deren Aufgaben?
André Borschberg: Die MCC ist der „Schutzengel“ des Piloten. Zwanzig Spezialisten gehen jedes mögliche Szenario im Vorhinein durch und übermitteln Informationen, welche es dem Piloten ermöglichen, dem optimalen Flugplan zu folgen und seine Mission erfolgreich zu erfüllen. Es besteht eine sehr starke Beziehung zwischen den beiden Piloten und dem Team vom MCC, die auf Vertrauen aufbaut.

Wie kam es dazu, dass ihr euch für Abu Dhabi als Ausgangspunkt für die Weltumrundung entschieden habt?
André Borschberg: Der Grund bestand darin, dass wir schon Anfang des Jahres – im März, vor Beginn der Monsunzeit – über Indien und China fliegen wollten. Ferner ist Abu Dhabi stark in der Entwicklung neuer Technologien im Zusammenhang mit der Clean-Tech-Industrie involviert. Masdar ist ein äußerst ehrgeiziges Unternehmen: Schließlich hat es eine Stadt erbaut, die eine breite Palette an Lösungen integriert. Dabei handelt es sich um dieselben Lösungen, die wir auch bei unserem Flugzeug heranziehen. So ergeben sich eine Annäherung von Werten und eine wirklich perfekte Vision für die Zukunft. Damit macht es viel Sinn, Abu Dhabi als Abflugort und hoffentlich auch für die Ankunft des Fluges um den Globus zu planen.

Wird man in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Indien oder Fernost anders empfangen?
André Borschberg: Selbstverständlich hängt der Empfang immer von der jeweiligen Kultur und den dortigen Traditionen ab, jedoch wurden wir an jedem Ort warm empfangen, an dem wir landeten. Im Oman – obwohl wir dort nur wenige Stunden Halt machten – hatten sie ein großes Zelt mit einem goldenen Lehnstuhl und einem Teppich für uns aufgestellt und wir wurden von Vertretern der obersten Behörden willkommen geheißen, während man in Myanmar große Feierlichkeiten mit Musikgruppen und hunderten Schulkindern organisiert hatte. Jede Landung war etwas ganz Besonderes.

»Um das Unmögliche möglich zu machen, braucht man ein gutes Umfeld.«
André Borschberg

 

Welche Haltung haben die Menschen euren Ideen gegenüber?
Bertrand Piccard: Die Menschen sind echt begeistert über Solar Impulse und die damit transportierte Botschaft. Sie sind sich der mit Energiefragen verbundenen Herausforderungen und der Notwendigkeit, in der Zukunft neue Arten von Technologien einsetzen zu müssen, sehr wohl bewusst.

Schindler ist einer der Hauptsponsoren. Die Gemeinsamkeit aller Hauptsponsoren scheint zu sein, dass sie nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch Know-how zur Verfügung stellen. Ist das bei derartigen Projekten üblich?
André Borschberg: Wenn man versucht, das Unmögliche möglich zu machen, benötigt man ein gutes Umfeld, um so die Erfolgschancen zu erhöhen. Mit der Expertise von auf ihrem Gebiet führenden Unternehmen hat man selbstverständlich einen wesentlichen Erfolgsfaktor. Von Schindler erhalten wir Expertise im Bereich der Elektronik und Fortbewegung, da ja dieses Unternehmen täglich mehr als eine Milliarde Menschen weltweit bewegt. Das Projekt Solar Impulse wurde derart angelegt, dass es zum Aufbau starker Kooperationen führen kann die weit über einfaches Sponsoring hinausgehen, und daher nennen wir unsere fördernden Unternehmen nicht Sponsoren, sondern Partner.

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André Borschberg und Bertrand Piccard mit dem Schindler Team Myanmar

Ihr hattet jetzt circa sechs Monate, bis der zweite Teil des Fluges beginnt. Wie habt ihr die euch verbleibende Zeit genutzt?
André Borschberg: Wir haben diese Zeit genutzt, um unsere neuen Batterien einzubauen und zu testen.

Wurden die bereits gesammelten Daten evaluiert oder wartet ihr bis zu eurer Ankunft in Abu Dhabi?
André Borschberg: Wir evaluieren die Performance nach jedem Flug, um so unsere Strategie anzupassen.

Wie würdet ihr die Bedeutung der Solarenergie für die Welt beschreiben?
Bertrand Piccard: Hier geht es nicht nur um Solarenergie. Ungeachtet seines Namens verfolgt das Projekt Solar Impulse das Ziel, alle Lösungen voranzutreiben, die zu Energieeinsparungen und einer sauberen Energieproduktion führen. Unser Zugang ist ein aeronautisches Abenteuer, das niemand für möglich hielt, unter extremen Bedingungen durchgeführt, um so positive Gefühle und konstruktive Lösungen in die laufenden Diskussionen einzubringen, die derart mit Problemen überladen sind, dass sie oft zu Entmutigung, Pessimismus, ja sogar Fatalismus führen.

Schindler hat bereits einen solarbetriebenen Aufzug auf den Markt gebracht. Wenn man sich vorstellt, dass Schindler täglich für die Bewegung von über einer Milliarde Menschen sorgt, kann dies eindeutig ein Energiesparthema sein?
Bertrand Piccard: Es ist tatsächlich ein Energiesparthema. Ich war wirklich beeindruckt, als ich den Schindler-Showroom in Luzern besuchte, wo das Smart Elevator Projekt vorgestellt wurde. Genau das fördern wir mit Solar Impulse: die Entwicklung sauberer Technologien, die einen klaren Vorteil gegenüber Mitbewerbern darstellen und gleichzeitig die Umwelt schonen.

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Die Solaraufzug von Schindler.

Ein Partner von Solar Impulse zu sein, ist gleichzeitig eine Verpflichtung. Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter zur Beteiligung am Projekt und zu derselben Begeisterung motivieren, die ihr auch empfindet?
Bertrand Piccard: Über den gesamten Zeitraum des Projekts haben die Partner die Möglichkeit, Events zu organisieren, bei denen ihre Mitarbeiter das Flugzeug aus der Nähe bestaunen und den Piloten bei ihren Berichten über ihr Abenteuer zuhören können. Wenn dies auch vielleicht nicht zu einer größeren Produktivität am Arbeitsplatz führt, hat Solar Impulse eine sehr lebendige, interaktive Website entwickelt, die es den Menschen ermöglicht, die Mission aus der Nähe mitzuverfolgen. Die Website weist eine Reihe großartiger Features auf, wie ein virtuelles Cockpit, wo man die genaue Position, Geschwindigkeit und Höhe des Flugzeugs und auch wesentliche Gesundheitsparameter des Piloten verfolgen kann und so einzigartige Einblicke erhält. Die Website bietet auch ein Web-TV, das während und nach den Flügen exklusive Interviews mit den Teammitgliedern, Live-Schaltungen zu den Planungstreffen der Mission sowie nicht zuletzt Bildern aus dem Cockpit und der Kommandozentrale bringt. Dies gibt den Zusehern die Möglichkeit, ein wenig wie bei einer Reality Show, alle Entwicklungen der Mission Minute für Minute mitzuverfolgen und dieselben Emotionen zu spüren wie das gesamte Solar Impulse Team, alle Diskussionen mitzuhören und ein Gefühl für alle Herausforderungen zu bekommen. Die Website umfasst auch ein Chat-Feature, mit dem man Fragen an unser Team stellen kann und umgehend Antwort erhält. Schließlich zeichnet sich Solar Impulse durch eine sehr aktive Präsenz in den Social Media aus und man erhält über Twitter, Facebook usw. ganz leicht Zugang zu exklusivem Content bzw. die letzten Entwicklungen.

»Mich beseelt derselbe Pioniergeist wie Alfred Schindler.«
Bertrand Piccard

 

Wie eng ist euer Kontakt mit den Menschen bei Schindler, also etwa zu Herrn Schindler selbst oder Martin Pfister im MCC? Seht ihr in ihren Augen denselben Geist, der auch euch vorantreibt?
Bertrand Piccard: Selbstverständlich! Als ich Alfred Schindler kennenlernte, sah ich, dass uns derselbe Pioniergeist beseelt und dass es sich hier nicht bloß um einen neuen Partner für Solar Impulse handelte. Er ist der lebendige Beweis dafür, dass sich die zunehmend des riesigen Potenzials bewusst werden, das sauberen Technologien in der industriellen und wirtschaftlichen Entwicklung und der Schaffung neuer Arbeitsplätze innewohnt.

Wie würdet Ihr Erfolg charakterisieren?
Bertrand Piccard: Unser Erfolg kommt nicht nur durch die Weltumrundung ohne Treibstoff zustande, sondern er wird auch jeden Einzelnen motivieren, die notwendigen Maßnahmen zu setzen, um unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern.

Mit dem Lift zu fahren ist nicht so aufregend wie mit dem Flugzeug zu fliegen. Erinnert ihr Euch noch daran, als Ihr das letzte Mal einen Aufzug benutzt habt?
Bertrand Piccard: Ich hielt letzte Woche einen Vortrag in Monaco und übernachtete im 6. Stock des Fairmont Hotels, dabei verwendete ich den Aufzug.

Freut ihr euch schon auf Eure Rückkehr auf den amerikanischen Kontinent?
Bertrand Piccard: Äußerst! Die Amerikaner empfingen uns bereits 2013 sehr herzlich und wir freuen uns darauf, das Land der Luftfahrtpioniere zu überqueren.

Durch diese Features ist die Solar Impulse 2 so effizient.

Könnt Ihr uns eine Vorschau auf den zweiten Teil eurer Reise geben?
André Borschberg: Wir möchten möglichst flexibel bleiben, daher wird unsere Destination erst kurz vor dem Abflug festgelegt. Je nach Wetterverhältnissen visieren wir verschiedene Flughäfen in den USA an. New York wird aber der Ausgangspunkt für die Überquerung des Atlantiks sein.

Wann schätzt ihr, dass ihr in Abu Dhabi landen werdet?
André Borschberg: Wir planen unsere Ankunft in Abu Dhabi für Juli oder August, je nach Wetterverhältnissen.

Vielen Dank für das Gespräch – und weiterhin viel Glück bei der Weltumrundung!

Was in Sachen Solar Impulse bisher geschah und wie es weitergeht, haben wir in einem Beitrag zusammengefasst. Und solange die Solar Impulse 2 die Welt umrundet, halten wir Sie auf dem Laufenden, mit Bildern, Videos und aktuellen Statusmeldungen auf SOLAR IMPULSE @ Senkrechtstarter.

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