Völlig von Simmen: Schwindel-Erfahrungen

„Ludwig II.“, Regie: Luchino Visconti (Italien 1972), gedreht auf Schloss Linderhof. (Foto: Mario Tursi, Roma)

Ein Medikament sollte einst gegen die Übelkeit beim Walzer-Tanz helfen, während der Bauhaus-Lehrer Moholy-Nagy die Schwindel-Erlebnisse im Fahrstuhlschacht feierte, wie Dr. Jeannot Simmen weiß. Einmal im Monat schreibt der Kulturwissenschaftler und Fahrstuhl-Experte für Senkrechtstarter

Dr. Jeannot Simmen empfiehlt – um den Lesegenuss der heutigen Kolumne noch zu erhöhen – einen Walzer als Hintergrundmusik. Wir hätten den Kaiser-Walzer von Johann Strauss im Angebot:

Höchste Lust und Sinnlichkeit boten beim Silvesterfest die beschwingten Walzer-Melodien. Der Tanz um die eigene Achse, das beschleunigte Drehen führt lustvoll zu schwindelerregend-sinnlichen Erfahrungen … bis zum Torkeln oder gar Umkippen. Kein Zufall, dass eine Single-Schallplatte einer Pharmazie-Firma aus der Schellack-Ära eine spiralig-runde Treppenanlage abbildet, die Gleichgewichtskrankheiten aufzählt und für Vertigo-Vomex vasoaktiv wirbt, ein Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen.

Figaros Hochzeit von Mozart, der Ägyptische Marsch von Johann Strauss und der Radetzky-Marsch von Johann Strauss Vater finden sich auf der kleinen schwarzen Scheibe – gespielt von den Wiener Philharmonikern. Die lustvolle Ursache für schwindelerregende Erfahrung wird kundenfreundlich mitgeliefert, ein gelungenes Neujahrs-Firmenpräsent.

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Schwindel im Fahrstuhlschacht von 1928

Nicht allein Treppenanlagen, auch der Fahrstuhlschacht kann Schwindel-Erfahrungen auslösen. Moholy-Nagy, der große Architektur- und Design-Avantgardist (siehe Dezember-Kolumne) zeigt in seinem Buch von material zu architektur einen „fahrstuhlschacht“ von Otto Firle aus dem Jahr 1928. Der Bauhaus-Lehrer findet hier die letzte und höchste Stufe „vom biologisch möglichen her“. Für die Architektur findet er eine Erweiterung: „raum in allen dimensionen, raum ohne begrenzungen“.

Die Bestimmungen werden aufgelöst: „Das innen und das außen, das oben und das unten verschmelzen zu einer einheit.“ Bereits 1928 erahnte Moholy-Nagy eine neuartige Vieldimensionalität, die wir heute in der virtuellen Welt „bauen“ können. Sein Schlusswort: „meldet dem menschen, daß er den unwägbaren, unsichtbaren und doch allgegenwärtigen raum … in besitz genommen hat“. In der Bild-Legende verweist er auf die damals noch nicht mögliche Glas-Architektur. – Der reale Schwindel, das nicht mehr bewusste Wahrnehmen erahnt das Neue und bislang Ungesehene!

 

SimmenDr. Jeannot Simmen ist Autor, Ausstellungs- und Büchermacher. Er lehrte Kunst und Design an Universitäten in Berlin, Kassel, Wuppertal und Essen und ist Gründer sowie Vorsitzender des Club Bel Etage in Berlin, einem Ort kulturellen Austauschs und kreativer Initiativen.
Von Simmen stammen unter anderem die Bücher Der Fahrstuhl. Die Geschichte der vertikalen Eroberung und Vertikal. Aufzug – Fahrtreppe – Paternoster. Eine Kulturgeschichte vom Vertikal-Transport.

Alle bisher von Dr. Jeannot Simmen auf Senkrechtstarter erschienenen Kolumnen sowie ein Interview mit dem Kulturwissenschaftler finden sich unter VÖLLIG VON SIMMEN.

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