Völlig von Simmen: Ein Film als Zukunftsvision

„Ludwig II.“, Regie: Luchino Visconti (Italien 1972), gedreht auf Schloss Linderhof. (Foto: Mario Tursi, Roma)

Utopien aus Everytown: Der Science-Fiction-Film „Things to Come“ zeigt 1936 eine Welt der Zukunft und präsentiert dabei futuristische Modellarchitektur samt gläsernen Aufzügen, wie Dr. Jeannot Simmen weiß. Einmal im Monat schreibt der Kulturwissenschaftler und Fahrstuhl-Experte für Senkrechtstarter.

Moderne Aufzugsanlagen – entlang der Fassade

Marriott-Hotel in Atlanta © Wikimedia Commons/Slosh415

Marriott-Hotel in Atlanta © Wikimedia Commons/Slosh415

Antonio Sant’Elia, der italienische Futurist, entwirft zwischen 1912 und 1914 „La Città Nuova“. Bei dieser idealen Stadt, mit der ich mich in meiner letzten Kolumne beschäftigte, liegen die Aufzüge außen auf den Fassaden. Panoramaaufzüge sind der Hingucker an den Gebäuden. Und: Der Blick aus der hochgleitenden Kabine bietet dem Liftfahrer ein Seh-Erlebnis, das den Himmel öffnet und die krude Realität kleiner erscheinen, entschwinden lässt.

Panorama-Kabinen im Gebäude-Inneren, im Atrium, werden zu archi­tektoni­schen Highlights, besonders bei großen Hotels. John Portman entwarf für die Hotelkette Marriott mehrere Großanlagen mit Innenlifts an Innenmauern. Die gläsernen Aufzugsanlagen verlaufen im Innenhof, der Hotelgast entschwebt himmlisch in seine Suite.

László Moholy-Nagy: Science-Fiction-Utopie von 1936

Filmstill aus "Things to Come"

Filmstill aus „Things to Come“

Aufzugsanlagen im Gebäude-Inneren waren ursprünglich ein Stück Utopie, Ausdruck für modernes Leben. Das zeigt der 1936 von Alexander Korda produzierte und auf einer Romanvorlage von H.G. Wells basierende Film Things to Come, dessen futuristische Modell­architektur von László Moholy-Nagy entworfen wurde.

Das Modellbild aus Things to Come mutet uns auch heute noch modern an. Diese großzügige Raum-Architektur mit klarer Linienführung kennt in der Horizontalen Rollstege (über den Köpfen). Die Vertikale wird durch gläserne Aufzüge erschlossen.

Wir finden uns in der fiktiven Stadt „Everytown“, wo dieser Science-Fiction-Film im Jahr 2036 spielt. Entstanden ist Things to Come hundert Jahre zuvor, 1936. Der Film zeigt anfangs, wie der Diktator Rudolph nach einem Weltkrieg in Ruinen herrscht (eine besondere Vorwegnahme!). Sein Gegenspieler ist der Flugzeugpionier John Cabal, der eine friedliche Welt für die Menschheit realisiert. Die von Wissen beglückte Welt, das ist die Utopie in Things to Come. Wissenschaftler verlängern das Leben, und Künstler werden hofiert und gut dotiert.

Realität überholt Fiktion

Die Gebäude im Filmstill erinnern durchaus an Marriott-Hotelbauten oder an das Sony Center am Potsdamer Platz (Gebäudeensemble des Architekten Helmut Jahn, Architekten-Gemeinschaft Murphy/Jahn). Am Potsdamer Platz herrscht eine besondere Verschränkung, der Innenraum ist der besondere Außenraum.

Vieles klingt real im Film Things to Come, wir müssen nicht bis zum Jahr 2036 warten: Lebensverlängerung längst möglich, wenigstens als faltenfreier Jugendkult. Kunst und Künstler sind allzuoft Bunt-Bilder-Beglücker. Mehr noch: Algorithmen kennen unsere Bilder und unser Kaufverhalten. Unsere „Super-Zivilisation“ ortet jeden Einzelnen und kennt seinen Ort und seine Sehnsüchte und Gewohnheiten.

SimmenDr. Jeannot Simmen ist Autor, Ausstellungs- und Büchermacher. Er lehrte Kunst und Design an Universitäten in Berlin, Kassel, Wuppertal und Essen und ist Gründer sowie Vorsitzender des Club Bel Etage in Berlin, einem Ort kulturellen Austauschs und kreativer Initiativen.
Von Simmen stammen unter anderem die Bücher Der Fahrstuhl. Die Geschichte der vertikalen Eroberung und Vertikal. Aufzug – Fahrtreppe – Paternoster. Eine Kulturgeschichte vom Vertikal-Transport.

Alle bisher von Dr. Jeannot Simmen auf Senkrechtstarter erschienenen Kolumnen sowie ein Interview mit dem Kulturwissenschaftler finden sich unter VÖLLIG VON SIMMEN.

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