Der Bauwelt Kongress 2015: Weniger ist wieder mehr

Was tun, müsste man fragen angesichts des ambitionierten Themas, das sich der Bauwelt Kongress in diesem Jahr vorgenommen hatte. Was bleibt, könnte man fragen, nachdem der diesjährige Architekturkongress zur Energiewende zuende gegangen ist. Wenig, wäre die despektierliche Antwort auf beide Fragen.

Das würde aber sowohl der Veranstaltung als auch dem Thema Unrecht tun. Schließlich machen Gebäude in Deutschland 40 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs aus und zeichnen sich für 20 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Insofern ist es nicht nur naheliegend, sondern notwendig zu fragen, „wie radikal sich Architektur und Städtebau ändern müssen“, um die Klimaschutzziele erreichen zu können. Nur ein wenig, lautet die erstaunliche Antwort des Bauwelt-Kongress, wenn wir uns alle etwas anstrengen. Dazu vier Thesen.

1. Nachhaltigkeit muss Spaß machen.

Wie bei fast allen, das wir Menschen tun, ist die Freude am Tun auch bei einem abstrakten Thema wie Nachhaltigkeit die wichtigste Motivation. Leider reicht es nicht aus, den Menschen zu erläutern, das ihr Handeln verheerende Konsequenzen für das Leben auf anderen Teilen der Welt und für das Leben ihrer Enkel hat. Hier helfen auch Verbote nichts. Darauf wies Matthias Horx hin. Der größte Anreiz sich heute einen SUV zu kaufen, sei für viele die Aussicht, dass dies in zwei Jahren voraussichtlich verboten sein wird, gab der Zukunftsforscher zu Bedenken. Daher auch sein Credo, dass Nachhaltigkeit Spaß machen sollte. Beispiel Fahrrad: Im Vergleich zu Autofahrern und Fußgängern muss man sich den Radfahrer als glücklichen Menschen vorstellen. Horx zitierte eine Studie, derzufolge Radler am häufigsten Freude im Straßenverkehr empfinden. Trauriges Schlusslicht bilden dagegen die Busfahrer.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

 

Doch selbst wem Radfahren keine Glücksmomente bereitet, kann auf den Geschmack kommen. Wie das geht, zeigte der italienienische Architekt Carlo Ratti, der am MIT das „SENSEable City Lab“ leitet, mit seinem „Copenhagen Wheel“. Mit diesem Hinterrad kann jedes Fahrrad im Handumdrehen zum E-Bike umrüstet werden, das Bremsenergie speichert und den Radler unterstützt, wenn es mal schwerer geht. Außerdem sammelt das Copenhagen Wheel jede Menge Daten über Strecke, Verkehr und Schadstoffbelastung, die sich sodann über das Smartphone mit der Community teilen lassen. Das könnte auch Radmuffeln gefallen.

2. Langsam is the new green.

Warum der Bauwelt Kongress so aufs Rad gekommen ist, hängt mit der zweiten These zusammen. Wir müssen nicht über eine Stadt mit nachhaltigen Gebäuden sprechen, wenn wir zugleich die innerstädtischen Wege mit dem SUV zurücklegen. Auch die dänische Stadtarchitektin Tina Saaby Madsen kam in ihrem Vortrag darüber, wie sie in Kopenhagen gutes Klima macht, immer wieder auf das Rad zu sprechen. Wen sollte das wundern angesichts einer Stadt, in der Radfahrer als vollwertige Verkehrsteilnehmer behandelt werden und mehr als die Hälfte des Gesamtverkehrs ausmachen. Das wirkt sich natürlich auch aufs Klima aus. Auch auf das soziale, wie Tina Saaby erläutert. Denn je langsamer sich Menschen bewegen, desto mehr Zeit haben Sie sich ins Gesicht zu schauen. Und Kopenhagen hat sich noch viel vorgenommen: 2025 sollen drei Viertel aller Wege in der Stadt zu Fuß, per Rad oder ÖPNV zurückgelegt werden und die dänische Hauptstadt CO2-neutral sein.

Lådcykel / Cargo bike, Nørrebrogade, Copenhagen / Köpenhamn / København. Photo: News Øresund - Johan Wessman © News Øresund Bilden får fritt publiceras under förutsättning att källa anges (Foto: News Øresund - Johan Wessman). Bilden får ej manipuleras.The picture can be used freely under the prerequisite that the source is given (Photo: News Øresund - Johan Wessman). Photo manipulation is not allowed. News Øresund, Malmö, Sweden. www.newsoresund.org. News Øresund är en oberoende regional nyhetsbyrå som ingår i projektet Øresund Media Platform som drivs av Øresundsinstituttet i partnerskap med Lunds universitet och Roskilde Universitet och med delfinansiering från EU (Interreg IV A Öresund) och 14 regionala; icke kommersiella aktörer.

Foto: News Øresund – Johan Wessman

3. Der Nutzer muss zum Komplizen werden.

Aber kommen wir endlich zur Architektur: Dass man supergrüne Gebäude bauen kann, ist keine Frage. Architekten vom Schlage eines Matthias Sauerbruch und Christoph Ingenhoven allemal. So zeigten beide auch beeindruckende Beispiele für klimagerechtes, energieeffizientes und nachhaltiges Bauen. Sauerbruch etwa den Neubau der GSW-Hauptverwaltung in Berlin (1999) und die umgebaute Verwaltung der Münchener Rück in München. Ingenhoven das in Bau befindliche Marina-One-Projekt in Singapur, einen nachhaltigen Gebäudekomplex, der auf einer Fläche von 341.000 Quadratmetern vier Hochhaustürme und einen öffentlicher Park mit Wasserfällen und Dachgärten vereint. Zu den zahlreichen Aspekten der Energieeffizienz und Nachhaltigkeit, die in diesem Projekt zum Tragen kommen, zählen übrigens auch die 34 Schindler Aufzüge mit regenerativen Antrieben, die dort zum Einsatz kommen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Doch wenn man zwischen diesen nachhaltigen Leuchttürmen umherwandelt, darf man eines nicht aus dem Auge verlieren: Das sind Ausnahmen. Und was schwerer wiegt: Wir wissen nicht, ob diese Gebäude auch erfüllen, was sie versprechen. Es liegen bisher zu wenig detaillierte Daten darüber vor, ob die grünen Gebäude auch die errechneten Effizienzen erreichen. Sauerbruch wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Verbrauchsdaten beim Neubau des Umweltbundesamtes in Dessau im ersten Jahr 98 (sic!) Prozent über den Berechnungen lagen. Das ist aber nicht den arithmetischen Inkompetenzen der Planer anzulasten, sondern vor allem dem Nutzerverhalten. Obwohl es sich um eine diesem Thema sehr aufgeschlossene Nutzergruppe gehandelt habe, benötigte man vier bis fünf Jahre mit kontinuierlicher Information, um die avisierten Verbrauchswerte zu erreichen. „Ein Großteil der ökologischen Aspekte eines Gebäudes ist eben nicht von der Planung, sondern von der Nutzung abhängig“, so Sauerbruchs Resümee.

4. Alles hängt mit allem zusammen.

Während der Zusammenhang von Gebäudenutzung und Gebäudeplanung offenkundig ist, dürfte es den meisten Bauwelt-Kongress-Teilnehmer sicher schwergefallen sein, Kim Kardashian im Kontext des Kongresses zu verorten. Aber nichts anderes nahm sich der spekulative Architekt Liam Young vor und führte in seinem Filmvortrag eine fiktive Kim Kardashian in eine imaginäre Stadt der näheren Zukunft. Hinter den hochauflösenden Displays der neuesten Smartphone-Generation tut sich dann eine Welt auf, in der zur Gewinnung der Seltenen Erden und dem Lithium-Abbau Landschaften zerstört und Hunderte Millionen Tonnen giftige Abfälle produziert werden. In dieser Welt werden Städte auf schwimmenden Plastikmüll im Meer errichtet und 170 Kilogramm toxische Abfälle zur Produktion eines einzigen Laptops inkaufgenommen. Liam Young zeigt Kim unsere Welt.

viewdbimg.asp

Aber gerade damit macht Young im Kontext des Themas Energiewende darauf aufmerksam, dass Nachhaltigkeit immer nur ganzheitlich gedacht werden kann. Wenn wir Solarenergie nutzen, müssen wir auch die ökologischen Folgen der Solarzellenherstellung im Blick haben. Wenn die Energieeffizienz eines Gebäudes nur dann optimiert werden kann, indem man am anderen Ende der Welt einen schwarzen Fußabdruck hinterlässt, erscheint dieser Ansatz in einer globalisierten Gesellschaft mehr als zweifelhaft. Zukunftsforscher Horx hat das bereits zum Beginn des Kongresses auf die schöne Formel gebracht: Weniger Effizienzdruck, mehr Effektivität! Wenn wir das mit der von Matthias Sauerbruch im Zusammenhang mit der Energiewende geforderten Bescheidenheit verbinden, könnte man sagen: Weniger ist wieder mehr.

Vimeo

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Vimeo.
Mehr erfahren

Video laden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.