Völlig von Simmen: Aus für den Paternoster!

„Ludwig II.“, Regie: Luchino Visconti (Italien 1972), gedreht auf Schloss Linderhof. (Foto: Mario Tursi, Roma)

Deutschland streitet über Reize und Risiken des Paternosters, Dr. Jeannot Simmen diskutiert mit. Er erinnert an die Anfänge des Personenumlaufaufzugs, sieht ihn heute aber nur noch als „mechanisches Relikt“. Einmal im Monat schreibt der Kulturwissenschaftler und Fahrstuhl-Experte für Senkrechtstarter.

Reglementierungswut kontra Nostalgie-Schwärmer

Kinder haben ihre Schuhe (doch nur diese) geordnet reingestellt, um zu prüfen, ob die Paternoster-Kabine bei der Kehre oben nicht kopfüber die Fahrt fortsetzt. Ein Maniaker versuchte gewaltsam, die Kabine zu verlassen beim Umsetzen oben. Heinrich Böll erzählt in Doktor Murkes gesammeltes Schweigen von 1955, wie dieser beschwingt sein „Angstfrühstück“ im Paternoster genoss, auf dem Weg zur Kultur-Redaktion…

Erfunden in England (patentiert 1875). Eingeführt 1885 in Deutschland, zuerst in Hamburg, der damals schnellsten Stadt, war der Paternoster ideal für Kontorhäuser und (bis heute) für Verwaltungsbauten, deshalb „Beamtenbagger“ genannt. Was an den Lebenssinn der ewigen Wiederkehr, ans Hamsterrad erinnert; aber immerhin: nicht ohne den „Sprung in die offene Kabine“ – mutig und gekonnt!

Etwas Öl, wenig Energie

Der Umlaufaufzug arbeitet effizient und ist im Verbrauch enegiearm: Stets kommt eine Kabine sowohl aufwärts wie abwärts, und der gleichmäßige Rundlauf vermeidet Halt, Beschleunigung und Abbremsung, achtzehn Stunden täglich ohne Murren, nur mit etwas Öl und wenig Energie.

Geübt waren die früheren Generationen: In Hamburg sprang man auf das Schiff, von der Tram wurde am richtigen Ort abgesprungen, den anfahrenden Bus erreichte man mit einem Sprint. Damals gab es noch Trittbretter und selber zu öffnende Türen… Um 1950 begann die Umrüstung der „Öffentlichen“. Heute: Automatisierte Türen, die – fest verschlossen – sich nach dem Stillstand öffnen. Ausgerüstet mit Sensoren, damit auch der kleinste Finger nicht eine Schramme kriegt. Wir sind so gut behütet, dass weniger Kinder geboren als durch Unfälle eliminiert werden. Resultat: Populationsschwund, aussterbender Wohlstand.

Einst modern, heute mechanisches Relikt

„Paternoster-Paranoia“ (FAZ), „Nahles will Führerschein zum Paternosterfahren… will öffentliches Paternosterfahren verbieten“ (Die Welt), „Regulierungswut“ von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) in der FAZ… aktuelle Schlagzeilen Ende Mai 2015. Aber: bereits 1994 wurden mit einer Aufzugsverordnung der Neubau von Paternoster-Anlagen verboten und größere Umbauten verunmöglicht. Heute wie damals kämpfen nostalgiesüchtige Zeitgenossen für den Erhalt der altertümelnden Hebemachanik.

Seit 1. Juni 2015 gilt: „Der Arbeitgeber hat dafür zu sorgen, dass Personenumlaufaufzüge nur von durch ihn eingewiesenen Beschäftigten benutzt werden.“ – Betriebssicherheitsverordnung – Betrieb von überwachungsbedürftigen Anlagen

Um 1900 war der Paternoster von einer demonstrativ-visuellen Modernität. Alle anderen Fahrzeuge benötigten Kutscher, Führer, Schaffner oder Aufzugswärter. Einzig der Rundumaufzug zeigte in simpler Anordnung ein Beförderungssystem ohne Aufpasser und ohne Türen. Sein maschinelles Ensemble versteckte sich nicht im Schachtende. Neu und ganz funktional verlangte dieser eine Spontan-Handlung beim Ein- und beim Aussteigen: Der beherzte Sprung, mit Schwung, Festhalten am Griff… schafft den eleganten Einstieg.

Aller Begeisterung für das Vergangene zum Trotz: Der Paternoster ist in der Heutzeit ein mechanisches Relikt. Er steht quer zur tagtäglich-habituellen Erfahrung: Automatische Türen, fernzubedienende Schranken, sensorgesteuerte Drehtüren, sie alle erleichtern das Leben heute, wo man bequem unterwegs einen Liebesgruß als SMS schreiben oder mobil telephonieren kann.
Das moderne Leben bedeutet das Aus für den Paternoster!

[hr style=“1,2,3,4″ margin=“40px 0px 40px 0px“]SimmenDr. Jeannot Simmen ist Autor, Ausstellungs- und Büchermacher. Er lehrte Kunst und Design an Universitäten in Berlin, Kassel, Wuppertal und Essen und ist Gründer sowie Vorsitzender des Club Bel Etage in Berlin, einem Ort kulturellen Austauschs und kreativer Initiativen.
Von Simmen stammen unter anderem die Bücher Der Fahrstuhl. Die Geschichte der vertikalen Eroberung und Vertikal. Aufzug – Fahrtreppe – Paternoster. Eine Kulturgeschichte vom Vertikal-Transport.

Alle bisher von Dr. Jeannot Simmen auf Senkrechtstarter erschienenen Kolumnen sowie ein Interview mit dem Kulturwissenschaftler finden sich unter VÖLLIG VON SIMMEN.

1 Kommentare

  1. detlef schmidt

    ich finde nicht, dass der Paternoster ein relikt ist, ein technisches Denkmal, dass heute keine Berechtigung hat. ich finde eher, dass auch im Zeiten des technischen wahnsinns – des überbordenden von aufwand und vorgaben- was immer mit kosten verbunden ist, mit regulierungswut – im Zeiten, wo die Unterhaltskosten für solche angeblich modernen und sicheren mittel extremst steigen – den Paternoster mit seiner extremsten Zuverlässigkeit- seiner sagen wir man umweltfreudnlichkeit und seine service-Freundlichkeit bei geringen Geld und materialeinsatz nach , wie vor- als richtig.
    verbote, die nur dem dienen- etwas unbeliebtes oder besser gesagt- ungeliebtes, weil man mit anderem mehr Umsatz, steuern erwirtschaftet – sind generell nicht im sinne einer Haushaltspolitik, die den bürger schon lange nichts mehr gibt, sondern immerzu nur noch viel mehr nimmt.

    ein Paternoster ist ein stück Realität, das von Politik und wirtschaft konsequent abgelehnt wird: und es ist ein stück lebenskultur – in einem Umfeld, wo dem menschen sogar seine Identität genommen wird.
    ich bin mit solchen Paternostern aufgewachsen: sie haben nie die angeblichen unfälle verursacht- über Jahrzehnte nicht – die als einzelfälle dafür herhalten müssen – etwas so großartiges zu denunzieren und quasi zu entrechten.
    ich bin also für den umlauffahrstuhl!
    und ich bin für die Neuzulassung solcher- modifizierter, leistungsfähiger und sicher Paternoster.

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