Game of Thrones: Aufzugfahren mit der besten Serie der Welt

Winter is coming – aber um zu erfahren, was dann geschieht, werden wir wohl warten müssen, bis der Winter hierzulande bereits wieder gegangen ist: Voraussichtlich im Frühjahr 2016 wird die beste (Berliner Kurier), komplexeste (Zeit Online) und tödlichste (BILD) Fernsehserie aller Zeiten mit der sechsten Staffel auf den Bildschirm zurückkehren. Vergangenen Sonntag lief bereits das Serienfinale der fünften Staffel von Game of Thrones (#GoT) des amerikanischen Bezahlsenders HBO.

Wenn man zugrunde legt, dass diese Folge mit 3,5 Millionen illegalen Downloads in 24 Stunden den Piraterie-Weltrekord gebrochen hat, so kann man wohl auch guten Gewissens von der derzeit beliebtesten Serie der Welt sprechen.

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Bequem ist er wohl nicht, der eiserne Thron. Wer ihn besteigt, muss viel erleiden und andere erleiden lassen. Voraussichtlich wird er auch kein langes Leben haben. Ned Stark kann das bestätigen. Bild: flickr/bagogames

Es ist viel darüber geschrieben und spekuliert worden, was die Faszination von #GoT ausmacht. Dass es sich um eine Art „Herr der Ringe für Fortgeschrittene“ handelt – allerdings mit mehr Sex, mehr Gewalt, mehr Shakespeare – könnte man so stehen lassen. Dass es exzellent geschrieben, besetzt und gefilmt ist, ebenso. Dass es Zuschauererwartungen hinterläuft, indem Hauptpersonen wie die Fliegen den Serientod finden; Zuschauererwartungen überschreitet, indem es ein „Beziehungschaos zwischen 116 Menschen, Wölfen und Drachen“ in den ersten 50 Folgen präsentiert (von der Süddeutschen Zeitung als beeindruckende interaktive Infografik aufbereitet); Zuschauererwartungen bedient, indem es einer relativ schlichten Dramaturgie folgt und die große Geschichte von Liebe, Hass, Verrat, Verlust, Aufstieg und Macht erzählt – geschenkt. In den Liebeserklärungen der Schriftstellerinnen Tanja Kunkel und Marion Brasch an die Serie lassen sich noch viele weitere Gründe finden.

Foto: flickr/skartistic

Von der Drachenmutter zur Sozialrevolutionärin: Daenerys Targaryen fragt nach der gerechten Gesellschaft. Bild: flickr/skartistic

Gern wird auch auf die aktuellen Bezüge und politischen Parabeln von Game of Thrones verwiesen. Sei es bei der aufstrebenden Herrscherin und „Sozialrevolutionärin“ Daenerys Targaryen, die im Versuch die Sklavenhaltergesellschaft abzuschaffen, lernt, dass das Volk nicht nur Brot, sondern auch Spiele will, und nebenbei der maskierten Terrorgruppe Sons of the Harpy die Stirn bieten muss. Sei es bei Königsmutter Cersei Lannister, die aus Machtkalkül mit homophoben religiösen Fanatikern paktiert und alsbald selbst deren Opfer wird. Zweifellos werden hier die großen moralphilosophischen Fragen an Politik und Gesellschaft aufgeworfen, wie wir das bereits aus Serien wie „Breaking Bad„, „The Walking Dead„, „House of Cards“ oder „Homeland“ kennen.

Aber ein Bezug zur Moderne ist uns an dieser Stelle viel wichtiger als die Frage, ob die Drachen in #GoT den heutigen Atomwaffen entsprechen: Es gibt einen Aufzug in Game of Thrones. Dieser Umstand ist aufmerksamen Zuschauern nicht verborgen geblieben. In der ersten Folge der fünften Staffel findet sich zum Beispiel diese schöne Aufzugszene:

Vor wenigen Wochen konnten Fans in Berlin auf der Game-of-Thrones-Ausstellung sogar eine virtuelle Fahrt mit diesem Gefährt unternehmen. Interessant ist aber vor allem, dass in der an das mittelalterliche Europa angelehnten Szenerie von GoT überhaupt ein Aufzug auftaucht, und noch viel interessanter die Frage, wie dieser eigentlich funktioniert. In der Serie fährt der Lift an der großen Mauer empor, die die sieben Königreiche von Westeros vom Gebiet des ewigen Eises im Norden schützen soll. Dort, jenseits der Mauer, bedrohen die „White Walker“ genannten Untoten die Zivilisation von Westeros.

White Walker. Bild: flickr/2top

Das Grauen, das aus der Kälte kam. Gegen die White Walker ist kaum ein Kraut gewachsen. Wohl dem, der valyrischen Stahl oder Drachenglas zur Hand hat. Bild: flickr/2top

Bei dem Aufzug an der exakt 213 Meter hohen Mauer handelt es sich um einen so genannten Windenaufzug. Er besteht aus einem Eisenkäfig, der an einer Winde befestigt ist und angeblich eine Förderlast von zehn Personen hat. Mechanisch funktioniert das dann so ähnlich wie bei einem Wagenheber: Indem der Hebel gedreht wird, bewegt sich der Käfig nach oben oder nach unten.

Weitgehende Einigkeit besteht in der Netzgemeinde auch bei der Frage, ob dieser Aufzug mit einem Gegengewicht arbeitet. Allein die Tatsache, dass in der ersten Staffel gezeigt wird, wie ein einzelner Mann diesen Aufzug bewegt, legt das nahe. Ein weiteres Indiz für diese These liefert eine Szene in der neunten Folge der vierten Staffel, auf die ein Quora-User hinweist. Dort ist zu sehen, wie der Junge Olly einen Hebel löst und damit den Aufzug in Gang setzt.

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Dieser Aufzug fährt 213 Meter an der 8000 Jahre alten Eismauer entlang. Magie ist da wohl nicht im Spiel, aber eine Winde (Bild: Screenshot/Youtube)

Bleibt die Frage, warum es überhaupt einen Aufzug in GoT gibt. Die naheliegende Erklärung, den Lift als Allegorie des Aufstiegs und Falls der Königshäuser oder der Herrscher auf dem eisernen Thron zu deuten, trägt nicht weit. Schließlich wäre es in diesem Fall viel sinnvoller gewesen, den Aufzug auch an den Zentren der Macht zu installieren und nicht an der äußersten Peripherie.

Gerade die Tatsache, dass der Aufzug sich an der Mauer befindet, die das zivilisierte Westeros vom eisigen Norden mit „Wildlingen“ und Untoten trennt, spricht dagegen. In dieser Hinsicht ist die Mauer viel mehr ein antizombistischer Schutzwall. Der Aufzug stünde in dieser Interpretation für die menschliche Technik als Bollwerk gegen die Welt des Mythos, in der Untote, Riesen und Drachen uns gegenübertreten.

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Gefährliches Spiel: Jeder Todesfall in der Romanvorlage von GoT wurde hier einmal farblich markiert. (Bild: flickr/ifindkarma)

Das säkularisierte Westeros, das in spätrömischer Dekadenz den Glauben an die Götter längst verloren hat, in dem selbst Blutopfer die Götter nicht mehr erreichen, in dem der religiöse Fanatismus gedeiht, tritt der magischen Welt mit Mauer und Aufzug gegenüber. Dass dieser Kampf allein mit technischer Raffinesse nicht zu gewinnen ist, zeigt schon der Versuch der Wildlinge, den Angriff der White Walker in der fünften Staffel abzuwehren.

Vielleicht ist da gar keine so augenfällige Allegorie wie bei den Mad Men zu finden. Vielleicht ist der Aufzug in GoT ganz einfach nur ein Aufzug. Denn schließlich haben wir es mit einer 213 Meter hohen und 482 Kilometer langen Mauer aus massiven Eis zu tun. Ein Aufzug ist da schon nicht ganz unpraktisch, erspart er doch den beschwerlichen Auf- und Abstieg. Das ist heute nicht anders als in einer Welt von Eis und Feuer.

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White House meets Westeros: Ob der eiserne Thron Obama so gut bekommen würde, dürfte wohl bezweifelt werden. (Bild: Wikimedia)

Nachtrag 1: Wie eng die Verbindungen zwischen GoT und der aktuellen Weltpolitik sind, demonstriert diese Fotomontage, die US-Präsident Barack Obama im Oval Office des Weißen Hauses auf dem eisernen Thron sitzend zeigt. Das Foto wurde auf dem Twitter-Kanal des Weißen Hauses als „The Westeros Wing“ veröffentlicht. Obama ist selbst ein großer Fan von GoT.

Nachtrag 2: Welche Fragen nach der fünften Staffel unter den Nägeln brennen, hat MTV freundlicherweise für uns aufgeschrieben.

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