„Die Vertikale hat eine mythische Dimension“

„Ludwig II.“, Regie: Luchino Visconti (Italien 1972), gedreht auf Schloss Linderhof. (Foto: Mario Tursi, Roma)

Dr. Jeannot Simmen hat das kulturhistorische Standardwerk „Der Fahrstuhl“ geschrieben, seit mehreren Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der Vertikalen in der Kunst. Im Interview erzählt der Kolumnist von Senkrechtstarter, wie er ursprünglich auf das Thema stieß.

Herr Simmen, wann begann Ihre Faszination für den Fahrstuhl?
Als Student war ich verliebt in eine wundervoll-erotische Frau. Vor einem Besuch bei ihr wartete ich im Treppenhaus auf den Aufzug und rationalisierte, ich hatte nur eines im Kopf. Also fragte ich mich: Ist dieser Fahrstuhl hier wohl aus der Zeit vor oder nach dem Jugendstil? Ich habe es letztlich nicht herausbekommen und mir gedacht: Das gibt’s doch gar nicht. Also begann ich, eine Hängeregistratur anzulegen, in die ich alles hineingeworfen habe, was mir zum Thema Fahrstuhl in die Hände fiel. So bin auf die Vertikale gestoßen, gewissermaßen als Lebensthema.

1980 haben Sie dann eine Ausstellung über Ruinen kuratiert, im Berliner Kupferstichkabinett.
Seitdem ging es mir immer darum, die Vertikale in einem metaphysischen Sinne zu erobern. Die Ruine ist der Verfall der Vertikalen, der Fahrstuhl ist deren Überwindung bis in den schwerelosen Raum. Gibt es die Möglichkeit, in einem schwerelosen Raum zu leben? Was würde das bedeuten? Man muss allerdings auch ganz nüchtern sagen: Eigentlich will die Menschheit das nicht, die Menschheit will am Boden bleiben. Selbst das mit den Hochhäusern ist  eine Überbietungsstrategie männlicher Potenzen.

Dem Fahrstuhl haben Sie sich von kulturwissenschaftlicher Seite aus genähert.
Wolfgang Schivelbusch hatte 1977 sein Buch über die Geschichte der Eisenbahnreise veröffentlicht. Das Thema Technikgeschichte, ein vollkommen neues Gebiet, wurde en vogue. Der Architekt Uwe Drepper und ich haben 1983 mit Der Fahrstuhl ein grundlegendes Werk zum Thema Aufzug beigesteuert. Danach erschien eher Soziologisches, wie die nette Doktorarbeit von Andreas Bernard. Uns ging es damals darum, die Idee des Fahrstuhls in eine Abfolge und Systematik zu bringen.

Sie haben Kunstgeschichte, Philosophie und Religionswissenschaft studiert, schließlich über Hegels Ästhetik promoviert. Da verwundert es, dass Sie ein solch technisches Thema gewählt haben.
Naja, ich bin ohnehin mehr bunter Hund als seriöser Wissenschaftler. Aber jede mechanische Geschichte wird auch überlagert durch eine metaphysische, eine Ideengeschichte. Gerade beim Fahrstuhl, bei der Vertikalen.

Inwiefern?
Die Vertikale hat eine mythische Dimension, insbesondere in den Religionen. Wir mit unserer schweren Immobilität kommen halt von alleine nicht hoch. Die Vögel schaffen das, mechanisch. Wir können es mit dem Lift. Uns ist mit unserem technischen Sachverstand gelungen, was keiner Generation vorher geglückt ist: die mechanische Himmelfahrt.

Der Aufzug gilt als sicherstes Verkehrsmittel der Welt…
Ganz ohne Gegenverkehr!
…trotzdem ist er viel stärker mit dem Gefühl der Angst verbunden als etwa das Auto. Woran liegt das?
Die Vertikale ist nach wie vor die Dimension zwischen Himmel und Hölle. Eine Dimension der Hoffnung, der Verheißung, des Paradieses – aber auch der Angst. Da werden besondere Assoziationen wach, zum Beispiel die der Geburt als Sturz hinunter und hinaus in die Welt. Aus einer gewissen Schwerelosigkeit geht es raus in die helle, glühende, schwere Welt. Das sind Erfahrungen, die uns übersteigen. Der Aufzug hat es einigermaßen geschafft, uns sicher zu geleiten – trotzdem sind die Ängste geblieben. Und das ist auch gut so, denn dadurch wird unsere Fantasie angeregt.

 

SimmenDr. Jeannot Simmen ist Autor, Ausstellungs- und Büchermacher. Er lehrte Kunst und Design an Universitäten in Berlin, Kassel, Wuppertal und Essen und ist Gründer sowie Vorsitzender des Club Bel Etage in Berlin, einem Ort kulturellen Austauschs und kreativer Initiativen.
Von Simmen stammen unter anderem die Bücher Der Fahrstuhl. Die Geschichte der vertikalen Eroberung und Vertikal. Aufzug – Fahrtreppe – Paternoster. Eine Kulturgeschichte vom Vertikal-Transport.

In der kommenden Woche präsentieren wir den zweiten Teil des Gesprächs mit Jeannot Simmen, der in seiner Kolumne „Völlig von Simmen“ monatlich für Senkrechtstarter schreibt.

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