Chefgespräch: »Die Städte werden in die Höhe wachsen, keine Frage«

Thomas Groth und Frank Böhnert kennen sich aus in der Stadt. Der eine ist als Geschäftsführer der Groth Gruppe einer der engagiertesten Immobilienentwickler in Berlin und darüber hinaus. Der andere kümmert sich als Vorstandsmitglied von Schindler Deutschland um die vertikale Mobilität in unserem Leben. Denn das Wohnen, da sind sich beide einig, wird künftig in die Höhe getrieben. Damit die Preise für das Wohnen indes auf dem Boden bleiben, ist auch die Politik gefragt.

Herr Böhnert, Herr Groth, wie wohnen wir morgen?

Frank Böhnert Wir wohnen in Städten, auf kleinem Raum und eher oben. Nicht nur, weil unten kein Platz mehr ist, sondern auch, weil wir oben privater und sicherer wohnen und einen tollen Ausblick haben – vorausgesetzt, wir können es uns leisten.
Thomas Groth Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Die Städte wachsen in die Höhe, keine Frage. Auch in Deutschland. In Berlin wird derzeit dazu die Bauordnung novelliert und die Abstandsflächen werden neu geregelt. Aber: Hochhauswohnen ist teures Wohnen! Das können sich nur wenige leisten. Und die Frage ist auch: Will man überhaupt da oben wohnen? Da können Sie nicht mal ein Fenster aufmachen.
Frank Böhnert Stimmt, mit Penthouses werden wir das Wohnungsproblem nicht lösen. Wir brauchen mehr günstigen Wohnraum. Da hilft es aber nicht, den Investoren den Schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben. Ich sehe hier auch den Staat in der Pflicht, Anreize zu schaffen.
Thomas Groth Wir brauchen eine vernünftige Wohnbauförderung. Allein schafft das die Privatwirtschaft nicht. Es geht um die Versorgung der wachsenden Bevölkerung mit Wohnraum, und zwar in allen Segmenten. Da müssen wir viel neu bauen, das geht nicht von heute auf morgen wieder aufzuholen. Wenn man im Wohnungsbau heute den Startschuss gibt, ist das Objekt frühestens in vier, fünf Jahren fertig.

Welche Rolle spielt denn der Aufzug im Wohnungsbau?

Thomas Groth Eine immer größere – und das hat weniger mit unseren nach oben wachsenden Städten zu tun als vielmehr mit unserem Alter. Unsere Gesellschaft wird immer älter und wir bauen inzwischen auch schon bei Zweigeschossern Aufzüge ein.
Frank Böhnert Wobei nicht nur die demografische Entwicklung eine Rolle spielt. Auch die junge Mutter mit Kinderwagen weiß es zu schätzen, wenn es einen Aufzug gibt. Barrierefreiheit kommt allen zugute.

Aber dem Aufzug wird andererseits auch nachgesagt, die Baukosten in die Höhe zu treiben.

Thomas Groth Eigentlich nicht. Entscheidend ist doch vor allem, wie viele Wohneinheiten sie mit einem Aufzug er- schließen. Wenn es nur zwei sind, wird es natürlich teurer, bei acht oder mehr fällt es nicht so ins Gewicht.
Frank Böhnert Fragen Sie doch mal im Bekanntenkreis, was ein Aufzug kostet. Viele sind erstaunt, wenn sie erfahren, dass ein Aufzug im Schnitt auch nicht mehr kostet als ein gehobener Mittelklassewagen. Natürlich kommen noch Kosten für Wartung und Unterhalt hinzu. Da gibt es in Deutschland eine Vielzahl von Normen und Vorschriften, die Aufzugsbetreiber beachten müssen. Wir bieten den Kunden zwar an, ihnen Themen abzunehmen, bei den Prüfpflichten etwa, aber Kosten entstehen trotzdem.
Thomas Groth Das ist beim Neubau auch das Problem: Alles ist normiert, alles ist geregelt. Wir haben uns da zum Teil wirklich Luxusprobleme geschaffen. Mit der EnEV seit 2016 gönnen wir uns beispielsweise geringe Effizienz zu einem hohen Preis. Ähnliches gilt für unsere Schallschutzbestimmungen. Das müsste alles dringend mal überprüft werden.

 

Frank Böhnert ist seit 2015 Vorsitzender der Geschäftsführung der Schindler Aufzüge und Fahrtreppen GmbH Berlin, Deutschland. Zuvor leitete der Wirtschaftsingenieur bei Schindler die Region Südwest in Mannheim.

Bleiben wir noch beim Aufzug. Was muss der Aufzug in Zukunft besser machen?

Thomas Groth Seien Sie mir nicht böse, aber der Aufzug ist doch heute so etwas wie das Nokia 3210 in einer Welt, in der jeder bereits ein iPhone hat. Mit einem iPhone kann ich zwar auch noch telefonieren, aber eben noch sehr viel mehr tun. Der Aufzug sollte künftig auch noch weitere Services anbieten als nur das reine Hoch-und-Runterfahren.
Frank Böhnert Da haben Sie recht. Am Grundprinzip des Aufzugs hat sich seit mehr als 150 Jahren nicht viel geändert, aber die Digitalisierung, das Internet of Things, macht auch vor dem Aufzug nicht halt. Das haben wir rechtzeitig erkannt und zählen daher zu den Pionieren der sogenannten Industrie 4.0. Wir schließen Aufzüge ans Internet an und erhalten so rund um die Uhr Informationen über den Zustand der Anlagen. Auf diesem Weg sind wir schon ziemlich weit und das wird die Sicherheit, Verfügbarkeit und Effizienz der Anlagen noch mal deutlich steigern. Zukünftig wird es möglich sein, präventiv dann an die Anlage zu gehen, wenn es notwendig ist.

Das betrifft ja vor allem Wartung und Reparatur der Aufzugsanlagen, aber wird sich künftig auch für die Nutzer etwas ändern?

Frank Böhnert Definitiv. Vielleicht wirft uns ein kluger Aufzug in Zukunft auch mal auf der falschen Etage raus, damit wir mal wieder auf der Treppe jemandem begegnen können. Nein, Spaß beiseite. Der Aufzug wird immer stärker in die Gebäudetechnik integriert. Mit der PORT Technologie und der myPORT App können wir bereits jetzt den Zugang zum Gebäude individuell mit dem Aufzug steuern. Türen öffnen sich für Zutrittsberechtigte automatisch, das Licht geht an, der Aufzug wartet bereits und öffnet automatisch die Tür. Je intelligenter Aufzüge werden, desto effizienter werden sie auch. Folglich müssen Sie weniger Aufzüge im Gebäude installieren. Das spart wiederum Fläche und Kosten.

Wird intelligente Technik unser Wohnen revolutionieren?

Thomas Groth Nein. Wohnen ist nun mal erzkonservativ. Da hat sich den letzten 50 Jahren nicht viel geändert. Auch wenn die Architekten sich das anders wünschen. Das liegt vor allem daran, dass Wohnungen Funktionen erfüllen müssen. Sie wollen den Mantel aufhängen, die Tasche abstellen, essen, schlafen. Jeder Raum lässt sich auf eine Funktion reduzieren.

Thomas Groth ist seit mehr als 30 Jahren in der Immobilienbranche tätig und verantwortet als Geschäftsführer der Groth Gruppe unter anderem die Bereiche Produktentwicklung und Marketing. Die Groth Gruppe mit Sitz in Berlin realisiert seit 1982 als Projektentwickler und Bauträger städtebauliche Projekte in und um Berlin sowie an weiteren ausgewählten Standorten Deutschlands.

Also werden wir in Zukunft nicht »smarter« wohnen, wie es überall zu lesen ist?

Thomas Groth Das würde ich so nicht sagen. Aber nicht alles, was möglich ist, macht Sinn. Wozu sollte ich etwa meine Heizung über das Smartphone steuern, wenn sie richtig eingestellt ist? Bei einer Alarmanlage hingegen kann es durchaus sinnvoll sein, wenn ich über eine App eine Kameraverbindung herstellen kann, wenn der Bewegungsmelder anschlägt.

Verraten Sie uns doch zum Schluss noch, wie Sie wohnen würden, wenn Sie es sich aussuchen könnten?

Frank Böhnert Oberste Etage mit Dachterrasse und Blick über die Stadt. Ein schönes Entree und ein schöner Aufzug gehören für mich auch dazu.
Thomas Groth Bei mir zu Hause. Ich habe mir mein Traumhaus bereits gebaut.

Welches Zimmer ist Ihnen am wichtigsten?

Thomas Groth Definitiv die Küche. Die ist unser Lebensmittelpunkt und Kommunikationszentrum.
Frank Böhnert Für mich ganz klar das Wohnzimmer und die Terrasse. Da verbringe ich einfach die meiste Zeit. Das Bad ist mir hingegen nicht so wichtig, weil ich mich da nur so lange aufhalte, wie es notwendig ist.

Wann nehmen Sie die Treppe?

Frank Böhnert Meistens bis zur vierten Etage.
Thomas Groth So geht es mir auch buchstäblich. Wir haben sogar in unserer Firma eine Abmachung unter allen Mitarbeitern, alles bis zu drei Etagen zu Fuß zu erledigen. Das ist sozusagen unsere Variante des Betriebssports, im Alltag praktizierte Gesundheitsvorsorge.

 

Interview: Jan Steeger. Zuerst erschienen im Schindler Magazin „Wohnen. Wie wir zu Hause sind“ 2016. Titelbild: Harry Schnittger

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