Max Schwitalla: Stadt anders aufziehen

Max Schwitalla war überall dort, wo die Stadt in diesen Tagen ein Thema ist. Er hat in China gearbeitet, war planender Architekt bei Graft und bei Rem Koolhaas. Große, großartige Architekturbüros mit kühnen Ideen. Dann hat Schwitalla, Jahrgang 1980, beschlossen, das mit den kühnen Ideen künftig noch wörtlicher zu nehmen. Sein Studio Schwitalla ist in diesem Sinne mehr Thinktank denn klassisches Architekturbüro. Mit Paul Friedli, bei der Schindler AG zuständig für die kühnen Ideen, hatte er früh einen neugierigen Partner, einen Mentor gefunden.

 

Plant schon mal die autonome Zukunft: Max Schwitalla

Eigentlich hatte das schon während des Studiums an der ETH Zürich angefangen. Eine aus den gewohnten Bahnen ausbrechende Mobilitätsutopie hatte Friedlis Neugier geweckt: Schwitalla fusionierte die U-Bahn und den Aufzug – als eine Art urbane Achterbahn, deren Kabinen an Teleskopgelenken gelagert sowohl in die Weite als auch in die Höhe reisen. Upway, so der Name dieser aufstrebenden Idee.

Das vor vier Jahren gegründete Studio Schwitalla hat sich nun die Zukunft der Städte zum Thema gemacht. Und damit, so Max Schwitalla, die Zukunft des Wohnens, ja der menschlichen Existenz: „Wir stehen nun mal am Beginn einer epochalen Urbanisierung. In nächster Zukunft werden zwei Drittel der Menschheit in Städten, ja in sehr großen Städten wohnen. Es wird schlichtweg so sein, dass wir verdichtet wohnen müssen – aber ich sehe die Verdichtung als große Chance.“

Der Architekt spricht’s und verweist lustvoll auf die kühnen Großstadtutopien der 1960er-Jahre. Visionen, die nicht realisiert worden sind, weil die Zeit noch nicht reif dafür war. Noch gab es genug Platz für die Vorstadtsiedlungen auf der grünen Wiese.

Flächen neu verhandeln

Langsam aber wird, überall auf der Welt, der Stadtraum knapp. Und so entsteht Raum für neue Diskussionen. Der Fahrrad- und Skateboardfahrer Schwitalla stellt gleich einmal das Auto zur Disposition, zumindest den Besitz eines eigenen Pkws – und plant schon mit den Flächen, die entstehen, „wenn der innerstädtische Parkraum obsolet wird, weil es autonome Carsharing Angebote gibt und sowieso alle Fahr rad oder E-Bike fahren“.


Illustration: Studio Schwitalla

Die Stadt ganz anders denken: In Schwitallas Büro – einem postmodernen Plattenbauerdgeschoss in der Leipziger Straße in Berlin – hängen diese Visionen an den Wänden. Die Spiral Town beispielsweise, eine sich nach oben windende, naturgrüne Spirale, von der die Hochhäuser wie Bienenstöcke in die Tiefe ragen. Oder das V-Village, eine Hochhausskulptur, schmal im Fundament und weit ausladend in den oberen Etagen.

Daher ihr Name: eine Silhouette wie ein V. Das Urban Shelf schließlich, eine Art Gebäuderegal, in das verschiedene Nutzungen flexibel „hineingeräumt“ werden können, verschiebt die Grenzen zwischen privaten und öffentlichen Räumen.

Ein Quartiersplaner als neue Instanz im Städtebau

Immer geht es Max Schwitalla um die Quadratur des Kreises: Seine Entwürfe, er selbst nennt sie architektonische Theoreme, sollen Stadtraum erzeugen, anstatt ihn zu verbrauchen. Zwei Dinge sollen sich nach seiner Meinung grundlegend ändern. Zum einen müsse die Grenze zwischen horizontaler Stadt- und vertikaler Gebäudeplanung aufgehoben werden. Seine Entwürfe spielen deshalb mit den Ebenen und Dimensionen. „Zwischen den Stadt planern und Architekten plädiere ich deshalb für eine neue Instanz: den Quartiersplaner.“ Zum anderen sei das Verhältnis zwischen öffentlichem und privatem Raum neu zu verhandeln. „Wir stehen am Beginn einer Sharing Economy. Wir werden künftig nicht nur Autos, sondern auch den Wohnraum – oder Teile davon – teilen.“

Was Schindler damit zu tun hat? Max Schwitalla verweist auf die PORT Technologie, die es ermöglicht, diese zu kunftsfähigen Räume intelligent und intuitiv zu organisieren. „Wenn wir in einem Gebäude etwa gemeinschaftlich genutzte Räume haben, Gästeapartments, Werkstätten oder Freizeitflächen, könnte myPORT diese dem jeweils temporären Benutzer intuitiv zuweisen.“ Ein Unternehmen wie Schindler wird künftig zum ganzheitlichen, intelligenten Mobilitätsanbieter. Und die PORT Technologie „sozusagen ein Google Maps für Indoor-Anwendungen“.

In Tübingen wird Max Schwitalla jetzt übrigens doch ein Gebäude bauen. Ein Flüchtlingsheim, ein Investor ist bereits gefunden und auch die Stadt steht hinter dem Entwurf: ein Stahlbetonskelett ähnlich einem Parkhaus, in das, in Lehmbauweise, die einzelnen Wohnungen hineingebaut werden. Letztere sollen die Geflüchteten teilweise in Eigenleistung bauen. Eine soziale Wohnskulptur, die, so Max Schwitalla, „Wissenstransfer mit den Geflüchteten schafft und am Ende sogar noch gut aussieht“. Ein schönes Schlusswort von einem, der die Fragen nach der Stadt von morgen gerade kühn und lustvoll zu Ende denkt.

Der Beitrag ist zuerst im Schindler Magazin „Wohnen“ (2016) erschienen.

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