Formen der Fahrstuhlliebe

Über die Liebe zu reden ist wie zu Architektur zu tanzen. Über Aufzüge zu schreiben bringt uns auch nicht nach oben. Doch bevor wir uns wieder der Fahrstuhlmusik hingeben, sollten wir mal über die Fahrstuhlliebe sprechen. Sie kommt häufiger vor, als manch einer denkt.

Drei Formen der Fahrstuhlliebe lassen sich unterscheiden. Eine ist offenkundig, die andere speziell und von der dritten wussten wir bis vor Kurzem gar nichts. Beginnen wir mit dem Abseitigen, das uns zumeist und zunächst das Nächste ist.

College-Neuling Jonathan (Andrew McCarthy) ist schüchtern. Genau wie sein bester Freund Skip (Rob Lowe) fiebert er noch immer dem „ersten Mal“ entgegen. Das kommt eines Tages völlig unverhofft im gläsernen Fahrstuhl angerauscht: Eine tolle Frau (Jacqueline Bisset) verführt den staunenden Jungen und raubt ihm endlich die Unschuld. Aber dann entpuppt sich die schöne Ellen als Skips Mutter. Eine harte Probe für die beiden College-Freunde und ihre bisher so reibungslose Beziehung… Jacqueline Bisset und die Jungstars geben ihr Bestes. Dennoch wirkt die Romanze wie eine reichlich oberflächliche Kopie des 67er-Hits „Reifeprüfung“.mehr bei Cinema.de: http://www.cinema.de/film/class,1305892.html
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Fahrstuhlliebe I: Die Liebe zum Fahrstuhl

Diesem Phänomen begegnen wir in diesem Blog am häufigsten. Menschen, die Aufzüge lieben. Sicher dürfen wir den einen oder anderen unserer Autoren auch dazu zählen. Ganz sicher unseren Aufzugpapst, der dem Vertikalvehikel ein ganzes Buch widmete. Aber vor allem die Aufzugsfilmer, von denen wir die Bekanntesten im Senkrechtstarter vorstellen. „Für die einen ist es wohl Hobby, wie für mich, andere machen es aus Leidenschaft“, berichtet Aufzugfilmer Alex im Interview. Aber wie ist diese Leidenschaft zu erklären? Ein Fetischismus, so viel steht fest. Ebenso, dass dieser nichts in der Schmuddelcke verloren hat. Schließlich können wir heute „von einer Universalisierung des Fetischismus“ sprechen, wie der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme attestiert. Die libidinöse Anschlussfähigkeit kommt nicht allein dem iPhone zu. Auch Aufzüge können durchaus liebenswert sein.

Fahrstuhlliebe II: Die Liebe im Fahrstuhl

Bild: Flickr/instantvantage

Kommen wir zum Offenkundigen, zum Offenherzigen. Der Aufzug ist ein erotischer Ort. Was ihn so attraktiv macht, ist die Gleichzeitigkeit von Privatheit und Öffentlichkeit, das Ineinander von Intimität und Publizität. Der begrenzte Raum, die Nähe, die Unentrinnbarkeit des Anderen, die stets anwesende Möglichkeit des unverhofft Anwesenden – in der Phantasie ist der Aufzug ein Fahrstuhl der Gefühle. Dabei ist es durchaus unerheblich, ob es nur ein virtueller Akt ist, schließlich finden die meisten unserer Akte nur in der Phantasie statt. Entscheidend ist vielmehr, dass der Aufzug unsere Phantasie anregt. Bewegende Momente bietet er ohnehin und das alte Rein-Raus-Spiel ist sein tägliches Geschäft.

Fahrstuhlliebe III: Die Liebe als Fahrstuhl

Die dritte Form der Fahrstuhlliebe begegnet uns in Sven Hillenkamps Buch „Das Ende der Liebe“. Darin geht es um nichts weniger als das Ende der Liebe. Hillenkamp hält uns vor Augen, wie in einer Gesellschaft unbeschränkter Möglichkeiten ausgerechnet die Liebe keine Möglichkeit mehr ist. Wieso sollten wir uns festlegen und Kompromisse in Kauf nehmen, wenn die Zahl möglicher Partner unendlich ist, wenn immer noch jemand da ist, der unsere Bedürfnisse und Erwartungen besser erfüllen könnte?

Der zukünftige Partner muss den eigenen Möglichkeiten entsprechen. Wir wollen an ihm wachsen, uns entwickeln. Wenn wir über ihn hinausgewachsen sind, lassen wir ihn zurück und suchen uns in der unendlichen Freiheit einen anderen, der besser unseren Möglichkeiten entspricht. Hillenkamp spricht in diesem Zusammenhang von der Fahrstuhlliebe. Man „macht sich wieder auf die Suche: nach dem nächsten Träger und Lehrer, dem, wie man im Englischen doppelsinnig sagen kann, nächsten lift. Die freien Menschen suchen die Liebe als Mitfahrgelegenheit und Fahrstuhlliebe.“ (S.231)

Aufmacherfoto: flickr/draganbrankovic

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