Kein Treppenwitz: Eine Liebeserklärung an den Aufzug

Gibt es nichts Schöneres als die Treppe? Ist sie das herrlichste „unter den lotrechten Erschließungsbauteilen“, wie sie der Schriftsteller Florian Werner jüngst auf Zeit Online pries? Prinzipiell ist gegen ein Loblied auf die Treppe nichts einzuwenden. Nur wenn es mit einer „Schmähung des Fahrstuhls“ einhergeht, ist eine Stufe überschritten. Lassen wir dem Aufzug hiermit Recht widerfahren. Eine Erwiderung in vertikalen Dimensionen.

Was muss der Aufzug nicht alles über sich ergehen lassen? Nicht erst seit der Schriftsteller Florian Werner ihn in der vergangenen Woche einer Schmähkritik unterzogen hat. Beinahe jedes Mal, wenn er in den Medien auftaucht, steht er entweder schon wieder still (schlecht!) oder immer noch (auch schlecht!). Selbst wenn er gar nicht da ist, wird seine Abwesenheit zum Gegenstand der kritischen Auseinandersetzung. Auf Bahnhöfen, in Rathäusern und U-Bahn-Stationen – überall fehlen Aufzüge und schuld daran ist überall der fehlende Aufzug.

Aber wir brauchen gar nicht spitzfindig werden. Soll doch die Aufzugslobby gegen die mangelhafte Reputation der Vertikalvehikel anschreiben. Wir setzen uns lieber mit den Vorwürfen auseinander, die Florian Werner dem Aufzug macht. Der Fairness halber müssen wir vorausschicken, dass der Fahrstuhl mehr oder weniger zufällig in Werners Fadenkrauz geraten ist, ein Kollateralschaden des Treppenlobs gewissermaßen. Schließlich sind beide Brüder der Erschließung, richtungsgebunden vertikal, und damit auch Konkurrenten um die Gunst der Nutzer.

Der Aufzug: Er sieht verdammt gut aus, leidet aber an einem schlechten Image. Zu Unrecht.

Der Aufzug behandelt alle gleich

Für Werner symbolisiert der Aufzug die „verlogene Verheißung der Spätmoderne, dass alles ohne Mühe und in qualitativen Sprüngen zu haben sei„:

Ein Knopfdruck, schon hat man erreicht, was man wollte. Die Treppe ist da aufrichtiger, realistischer: Sie erinnert uns mit jedem mühsamen Schritt daran, dass Veränderungen, zumindest innerhalb unserer demokratischen Strukturen, meist nur inkrementell stattfinden und enorme Kraft kosten. Die Treppe ist das Bauteil für Verfassungspatrioten. Der Fahrstuhl scheppert mit den hohlen Versprechen der Demagogen.

Indem Werner auf diese Weise den Aufzug zum Populisten erklärt und nahelegt, die Treppe sei der demokratischere Erschließungsweg, macht er den Bock zum Gärtner. Schließlich war es doch der Aufzug, der die vertikale Erschließung zuallererst demokratisiert hat. Während die Treppe ausschließt und ihre Nutzer nach ihrer Physis sortiert, behandelt der Aufzug alle gleich.

Die Treppe wird Stufe und Stufe zur Barriere

Der Aufzug überwindet Barrieren, die Treppe ist eine.

Auf der Treppe regiert allein das Gesetz des Stärkeren. Nach oben kommt nur, wer dazu physisch in der Lage ist. Auf der Treppe macht der Muskel den König. Chancengleichheit ist ausgeschlossen, da die Gleichheit hier keine Chance hat. Anders im Aufzug, der keine Unterschiede kennt und seine Türen für alle gleichermaßen öffnet. Jung und alt, klein und groß, dick und doof – in der Aufzugskabine sind alle gleich auf ihrem Weg nach oben.

Weit davon entfernt ein lupenreiner Demokrat zu sein, zieht die Treppe permanent Grenzen. Wer nicht dazu gehört, bleibt unten. Und wie viele gehören nicht dazu: Betagte, Beeinträchtigte, Beladene, Berauschte, Bewegte. Weit davon entfernt ein Weg der Erschließung zu sein, wird die Treppe Stufe um Stufe zur Barriere. Je höher sie führt, desto mehr wird die Treppe zum Distinktionskriterium.

Der Aufzug kann alles aus dem Lot bringen

Fahrstuhl zum Schafott

Wie der Aufzug, der doch den Weg nach oben auch für diejenigen öffnete, die viele Jahrtausende davon ausgeschlossen waren, bei Florian Werner zum Demagogen werden konnte, bleibt indes ein Rätsel. Dass der Fahrstuhl schon immer als metaphorisches Vehikel für Auf- und Abstieg, Erfolg und Niederlage im Kapitalismus herhalten musste, liegt dageben nahe und wurde hier auch schon ausgiebig thematisiert. Wenn Florian Werner den Aufzug aber allein mit dem mühelosen Aufstieg assoziiert, steigt er zu früh aus. Denn gerade der Fahrstuhl, das Versprechen unbegrenzt verfügbarer Mobilität, kann zum Sand im Getriebe werden, indem er einfach nichts tut.

Der defekte Aufzug wird zum Riß im System. Er stellt einer mobilen Gesellschaft, in der jeder immerzu in Bewegung und verfügbar ist, den Stillstand und die Unverfügbarkeit entgegen. Während die Rolltreppe einfach zur Treppe wird, wenn sie außer Betrieb ist, stört der defekte Aufzug den ganzen Betrieb. Wie dieser große Demokrat, dieser unbewegte Beweger, dieses herrlichste unter den lotrechten Erschließungsbauteilen, alles aus dem Lot bringen kann, zeigt Louis Malles Fahrstuhl zum Schafott auf eindringliche Weise. Diese Tiefen und Höhen wird die Treppe niemals ausloten.

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