Mad Men: Ganz nach oben, bitte!

Am Sonntagabend lief das Serienfinale von „Mad Men“ im amerikanischen Fernsehen. Damit fand nicht nur eine der bedeutendsten TV-Serien der vergangenen Jahre ihr Ende, sondern ebenso ein strahlendes Kapitel TV-Geschichte. Schließlich waren es Serien wie Mad Men, The Wire, Sopranos oder Breaking Bad, die zeigten, dass Geschichten im Fernsehen auch so erzählt werden können, wie es bisher nur große Romane vermochten.

Achtung, Spoiler: Dieser Beitrag verrät, wie das Finale der Serie „Mad Men“ ausgeht.

Während sich nun die Netzgemeinde den Deutungen über den ambivalenten Abschluss von Mad Men und ihrer Hauptfigur Don Draper hingibt, widmen wir uns hier ganz konsequent einer anderen Frage: Was hat das alles mit Aufzügen zu tun? Nun, eine ganze Menge. Wie bereits an anderer Stelle thematisiert, spielen außergewöhnlich viele Szenen von Mad Men in Aufzügen. Von produktionstechnischen Gründen abgesehen – Aufzugszenen schonen Produzent Matthew Weiner zufolge das Budget -, dienen Aufzüge seit jeher als Metapher für beruflichen und persönlichen Auf- und Abstieg.

Mit dem Ende dvon Mad Men können wir aber sogar noch einen Schritt weiter gehen und die These wagen, dass die Metaphorik des Vertikalen von zentraler Bedeutung ist in den sieben Staffeln der Serie, die von der Werbeagentur Sterling Cooper & Partners in den Sechzigerjahren erzählt. Das beginnt bereits mit der Titelsequenz, die ikonisch geworden ist.

Wir sehen hier der Silhouette von Don Draper dabei zu, wie sie fällt. Erst zer-fällt die Welt um sie herum, bis auch sie selbst zwischen Häuserschluchten und Werbetafeln hinab-fällt. Näher und näher kommt sie dem Boden, doch statt des erwarteten Aufpralls sitzt sie lässig im Sessel, die unvermeidliche Zigarette in der Hand. Don Draper – so könnte man das deuten – ist nämlich nicht hinunter- sondern hinauf-gefallen. In den Chefsessel gewissermaßen, ganz nach oben.

Aufzug als Metapher des Aufstiegs

Diese Bewegung von oben nach unten zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Geschehen. Während man in konventionelleren Formaten wie CSI walkt and talkt, fahren die Mad Men gern hoch und runter. Der Aufzug steht hier als Metapher für anstrengungslosen Aufstieg. So wie das Geschäft des Werbens überhaupt von der traditionellen Arbeit entkoppelt zu sein scheint. Tugenden wie Fleiß, Ehrgeiz, Disziplin sind nicht mehr ausschlaggebend. Don Draper schlägt mittags auf, kippt einen Drink nach dem anderen und schläft während der Arbeit seinen Rausch aus. Das alles zählt nicht. Über Auf- und Abstieg entscheidet in diesem Business nicht die Kovention, sondern die Idee. Der geniale Ein-fall ist der Kodak-Moment der Werbebranche.

Wie der Aufzug für den mühelosen Aufstieg steht, symbolisiert die Treppe das Scheitern. Als nach einer ausgedehnten Mittagspause mit Austern und Martinis der Aufzug einmal nicht funktioniert, müssen Don Draper und sein Partner Roger Sterling in der siebenten Folge der ersten Staffel die Treppe nehmen – mit dem Resultat, dass Roger den Kunden im wahrsten Sinne des Wortes vor die Füße kotzt. Und als Betty in der finalen Staffel aufgrund ihrer Erkrankung zusammenbricht, tut sie das auf der Treppe, die sie wohlgemerkt hinauf- und nicht hinab-fällt.

Einfall, Zufall, Zerfall

Das nimmt wieder das Motiv des Auf-fallens aus der Titelsequenz auf. Sowohl Don als auch Betty teilen nämlich das Schicksal, in eine privilegierte Position, nach oben, gekommen zu sein, ohne dass sie dies in dieser Form intendiert hätten. Betty opferte ihre Modelkarriere zugunsten Dons und stieg erst nach dem Zer-fall dieser Ehe durch die Heirat mit Henry Francis auf. Das ist offenkundig kein Zu-fall. Denn ebenso auf-fällig entwickelt sich die Karriere Dons, der gerade dadurch, dass er als Fallender alles um sich herum zer-fallen lässt (sämtliche Beziehungen scheitern, privat und schließlich auch beruflich) letztlich aufsteigt.

Die Bewegung im Vertikalen ist hier gegensätzlich. Nicht nur so wie alles, was den Aufzug nach oben nimmt, auch irgendwann wieder mit herabfahren muss, wenn die Treppe und der Fall nicht in Frage kommen. Sondern vielmehr so, dass man nach unten fahren muss, um auf einmal ganz oben anzukommen. Dass es auch anders geht, zeigen Figuren wie Peggy Olson und Pete Campbell. Beide steigen kontinuierlich auf, müssen dafür allerdings ihre Familie opfern. Doch während Peggy es nicht bis an die Spitze schafft – für Frauen hält der Aufzug nicht an den oberen Etagen -, dafür aber ihre Liebe bezeichnenderweise auf Arbeit findet, steigt ausgerechnet der Karrierist Pete in Höhen auf, die kein Aufzug je erreichen könnte – und nimmt seine Liebe einfach mit.

Aufzug ohne Ausstieg

Wer oben angekommen ist, ist bei den Mad Men und Women – so trivial das klingen mag – nicht auf der Höhe, auf der er sich wohl fühlt. Joan fängt am Ende mit einem neuen Business wieder ganz unten an, weil sich für sie Höhe nicht am finanziellen Vermögen, sondern an der eigenen Leistung und deren Wertschätzung durch andere misst. Und Don, der tragische Held, ist scheinbar erst ganz oben angekommen, als er ganz geerdet im Gras sitzend in der Hippie-Kommune meditiert. Erst in diesem Moment, beim gemeinsamen Om, kommt ein Lächeln in sein Gesicht. Don Draper fällt nicht mehr, er ist ausgestiegen. Vermeintlich. Denn schon im nächsten Augenblick sehen wir, dass der Traum längst aus ist und die Utopie nur noch als Glücksversprechen im Werbespot dient. Einem realen wohlgemerkt. Dieser Aufzug kennt keinen Ausstieg.

 

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